Freitag, 25. Dezember 2015

Beschenkt werden muss man lernen

Autorin: Jenifer Girke

Stellt euch vor, ihr müsstet jahrelang unter kriegsähnlichen Zuständen leben; hinter jeder Ecke verbirgt sich eine andere Gefahr, in jeder Sekunde könnte etwas passieren. Was ihr einmal hattet, hat man euch weggenommen; wenn ihr wieder etwas bekommt, nimmt man es euch wieder weg; ihr kennt nur noch das Gefühl, nichts mehr zu haben und das einzige, was euch bleibt – euer Leben – könntet ihr durch Bomben oder Attacken sofort verlieren. Schlimmer noch: Nicht nur eures, sondern auch das eurer Kinder, eures Mannes, eurer Frau; allen Menschen, die mit euch leben. Mit einer solchen permanenten Angst leben momentan Millionen von Syrern, Afghanen und Irakern in ihren Ländern. Die, die es nicht mehr aushalten, versuchen zu fliehen. Das bedeutet, nach Jahren von Krieg und Terror folgen wochen- oder monatelange Wege, lebensgefährliche Routen über Stacheldrähte, in undichten Schlauchbooten und wieder: Die Flüchtlinge haben nichts. Proviant für eine ganze Flucht und eine ganze Familie kann man nicht tragen, also leben die Geflüchteten in ständiger Ungewissheit, ob sie genug Nahrung, Wasser und Kraft für den nächsten Tag haben. Und wofür? Um in einem Land leben zu dürfen, in dem sie keine Angst mehr haben müssen.


In Ohrdruf leben momentan 650 Flüchtlinge. Manche Mütter können es noch kaum fassen,
dass ihre Kinder tatsächlich in Sicherheit sind. Denn in Syrien oder Afghanistan oder dem Irak
mussten sie ständig Angst haben, dass ihre Kinder misshandelt, vergewaltigt oder getötet werden.

Doch wie erklärt man einem Kind, dass es keine Angst mehr haben muss? Dass jetzt alles anders ist und besser wird? Dass die bösen Männer mit ihren Waffen und Messern weit weg sind? Dass es sicher ist? Dass es in diesem Land angenommen ist und geliebt wird? Um diese Traumata in den kleinen Kinderherzen aufarbeiten zu können, brauchen die Flüchtlinge viel Unterstützung und unsere Gesellschaft die richtigen Menschen und effektive Mittel. Eines dieser Mittel habt ihr selbst dazu beigetragen: Schuhkartons! Mit den 3000 Schuhkartons, die deutschlandweit an Flüchtlingskinder verteilt werden, helft ihr mit, Ängste abzubauen, Freude aufzubauen und den Kindern endlich wieder einen Grund zum Lächeln zu geben.


Diese wunderschöne Syrierin hat 3 Söhne und 1 Tochter. Die Familie ist seit 8 Wochen
in Deutschland und war 30 Tage auf der Flucht. Gerade für den kleinen Sohn ist es sehr schwer:
"Aber die Menschen hier gehen so gut mit meinen Kindern um.
Wir haben alles, was wir brauchen. Und wir dürfen endlich in Sicherheit leben."


Aber einfach ist so eine Verteilung nicht, denn wenn ein Junge nur noch darauf getrimmt ist, alles an sich zu reißen, was er kriegen kann, damit er überlebt oder ein kleines Mädchen nicht versteht, was ein Geschenk ist, muss man das Schritt für Schritt erklären. So war das auch in Ohrdruf, einer Erstaufnahmeeinrichtung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Thüringen, die großartige Arbeit leistet und sich eindrucksvoll dafür einsetzt, den Kindern ein friedliches Weihnachten zu ermöglichen. Gemeinsam mit dem DRK hat eine Baptistengemeinde aus Gotha gestern rund 150 Flüchtlingskinder zu einer Weihnachtsfeier mit anschließender Geschenkverteilung eingeladen. Viele Menschen wirkten daran mit und wir durften dabei sein. Hier ein paar Eindrücke…

Hunderte von Kinder warten gespannt auf EURE Schuhkartons. Davor werden
Weihnachtslieder gesungen, ein Puppenspiel über die Weihnachtsgeschichte aufgeführt
und einige Süßigkeiten verteilt, die der Werksleiter der Firma Storck 
in Ohrdruf persönlich vorbeibrachte.



„Ich beschütze Menschen, nicht nur Flüchtlinge“

Alle Flüchtlinge wünschen sich Sicherheit – damit sie genau dieses Gefühl haben können, werden sie von einem professionellen Security-Team 24 Stunden lang beschützt. Einen Unterschied zwischen Flüchtling und Nicht-Flüchtling macht das Sicherheitspersonal eigentlich nicht. Eine junge Frau aus dem Team erzählt mir: „Die Arbeit mit Menschen macht mir allgemein Spaß.“ Sie bleibe sogar unter der Woche auf dem Gelände und fahre nur am Wochenende nach Hause, aber fremd sei ihr das absolut nicht: „Ach, wir verstehen uns alle hier super. Man lernt die Kulturen kennen und versteht erst einmal wirklich, warum diese Menschen fliehen mussten. Letztendlich bildet man sich weiter.“ Diese Einstellung hat mich sehr bewegt, denn darum geht es schließlich: Diese Flüchtlinge sind Menschen und wenn sie in Deutschland ankommen, wollen sie keine Flüchtlinge mehr sein, sondern Mitmenschen wie du und ich.

Eine klare Botschaft, was der Junge mit dem Peace-Zeichen ausdrückt.
Er wünscht sich Frieden. Kein Bürgerkrieg mehr, keine Bomben mehr. Einfach Frieden.
Sein Lächeln dabei ist wohl die größte Motivation, ihm diesen Frieden zu ermöglichen.


„Ich wollte eigentlich nur helfen“

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Ohrdruf gibt es eine einzige ehrenamtliche Mitarbeiterin: „Ach wissen Sie, ich mache das auch ein bisschen für mich, schließlich bin ich Rentnerin und hier sind so viele nette junge Menschen.“ Zwei- bis dreimal in der Woche besucht Frau Lehmann die Flüchtlingsunterkunft und erledigt das, was gerade ansteht. Wie sie zu der Arbeit gekommen ist, war ganz zufällig: „Ich habe beim DRK eine Spende abgegeben und gesagt, wenn sie Hilfe brauchen, sollen sie mich anrufen. Naja, dann haben sie angerufen und hier bin ich.“ Obwohl sie weder Farsi noch Arabisch spricht, konnte die Ehrenamtliche sofort eine Bindung zu den Kindern aufbauen und wünscht sich auch in Zukunft, mehr für die Kinderbetreuung zu leisten. Da war die Freude besonders groß, als Frau Lehmann all eure Schuhkartons gesehen hat; sie konnte die Aufregung bei den Kindern schon spüren: „Die Schuhkartons sind ein Zeichen von Zuwendung, Freundlichkeit und Anteilnahme. Die Kinder hier freuen sich über die kleinsten Dinge und dieses Päckchen wird ihnen immer in Erinnerung bleiben.“ Was Frau Lehmann besonders dankbar stimmt, ist, dass die Geschenke genau zum richtigen Zeitpunkt kommen, nämlich am Anfang: „Gerade die ersten Erlebnisse in Deutschland werden sie nicht vergessen und so erinnern sie sich, dass sie beschenkt und angenommen wurden.“ Schuhkartons als Integrationshelfer – einfach toll!


Schuhkartons bewirken nicht nur Kinderfreude. Auch die Eltern begreifen dadurch,
dass sie hier angenommen sind. Und wenn es dem Kind gut geht, strahlt auch der Vater.


Weg vom Schreibtisch – hin zur Hilfe

Linda ist Quereinsteigerin: Nach ihrem Jurastudium hat sie in der Rechtswissenschaft gearbeitet, doch dann kamen die Flüchtlinge und ihr war klar: „Da musste ich helfen.“ Also fing sie an, als Ehrenamtliche zu arbeiten, doch mittlerweile ist sie ein fester Bestandteil des DRK-Teams. Es sind etwa 30 Festangestellte in Ohrdruf für die Flüchtlinge vor Ort zuständig und begleiten sie durch die ersten acht Wochen, die sie im Schnitt in der Erstaufnahmeeinrichtung verbringen. „Je länger man hier ist, desto stärker wird die Bindung zu diesen Menschen. Man wird zu einer Vertrauensperson und die Kinder öffnen sich mehr und mehr.“ Als Linda mit ihrem Team in dem großen Zelt zu der Weihnachtsfeier dazustößt, schmunzelt sie: „Schauen Sie doch, wie sich alle zurechtgemacht haben. Sie sind ganz gespannt. Es sind eben Kinder und Kinder lieben Geschenke.“ Was die 25-Jährige besonders berührt, ist die Wertschätzung auf Seiten der Flüchtlinge, denn obwohl sie diejenigen sind, die verfolgt und bedroht wurden, die in ein fremdes Land kommen und allen Grund haben, verschreckt und isoliert zu sein, sind die meisten der Flüchtlinge offen und sehr herzlich: „Egal ob jung oder alt, die Dankbarkeit ist grenzenlos.“


Diese kleine Prinzessin hat sich extra schick gemacht für die große Weihnachtsfeier.
Nach der Verteilung gab es gleich Mittagessen, auch für kleine Prinzessinnen. An diesem Tag
wurde etwas sehr Deutsches aufgetischt: Bratkartoffeln mit Spinat und Rührei.
Dazu warmen Tee und Banane. Doch Jörg SChmid, der Leiter der Einrichtung,
legt viel Wert darauf, auch arabisches Essen zu servieren: "Wir haben uns auch dazu entschieden,
an Heilig Abend eher Couscous und Hummus anstatt das Sauerkraut anzubieten,
damit nicht alles auf einmal neu für die Flüchtlinge ist", so Schmid.



Verstehen bevor man verurteilt

Als ich Ahmed auf der Schuhkartonverteilung kennengelernt habe, sagte er zu mir: „Ich bringe den Menschen hier Deutsch bei.“ In meiner Naivität antwortete ich: „Achso, dann leitest du also auch die Sprachkurse.“ „Nein“, „verbesserte er mich, „ich bringe ihnen Deutsch bei, damit meine ich die deutsche Kultur; das ist mehr als Sprache. Du musst zuerst verstehen, warum Dinge hier anders sind als in deiner Heimat, bevor du sie selbst umsetzt.“ Damit bringt der gebürtige Ägypter es auf den Punkt: Wir müssen uns gegenseitig verstehen.

Regionalleiterin Ost von "Weihnachten im Schuhkarton" neben den beiden Dolmetschern
für Arabisch (Ahmed mit dem Mikrofon) und für Farsi (Kollege links neben ihm).
Die Weihnachtsgeschichte und die Bedeutung eurer Schuhkartons soll schließlich jeder verstehen.


„Viele der Kinder haben auf der Flucht gelernt, alles zu nehmen, was sie kriegen können. Hier würde man sagen, das ist Gier. Aber das ist einfach nur ihr Überlebensinstinkt“, beschreibt Ahmed. Scheitern wir nicht genau daran zu oft? Wir sehen etwas und bewerten es. Wir sehen die Flüchtlinge, wie sie reagieren, wie sie sich verhalten und kommen schnell zu dem Entschluss, das passe nicht in unsere Gesellschaft. Doch wir überspringen dabei den Schritt, ihr Verhalten verstehen zu wollen und dadurch das nötige Mitgefühl zu empfinden, um ihnen eine Brücke in unsere Gesellschaft zu bauen. Menschen wie Ahmed, die fließend Englisch, Deutsch und Arabisch kennen, die selbst Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind, dennoch die arabischen Kulturen kennen, sind genau solche Brückenbauer. Er vermittelt, er hört zu, er fragt nach und erklärt – auch bei der Schuhkartonverteilung. Mit seinem Farsi sprechenden Kollegen hat er nicht nur das Puppenspiel übersetzt, was den Kindern gezeigt wurde, um Weihnachten besser zu verstehen, sondern er erklärte auch den beschenkten Jungen und Mädchen, warum sie beschenkt werden und warum jedes Kind einen Schuhkarton erhält.

Das ist der 9-jährige Belscher aus Syrien. Er freut sich sehr über seinen Schuhkarton
voller Spielsachen und einem Teddybären. Sein Wunsch zu Weihnachten sind gleich zwei:
"Ich wünsche mir Sicherheit und dass ich Arzt werde." Warum Arzt? "Ich will Kinderarzt werden
und den Kindern helfen, die auch hier in Deutschland sind."
Was wohl ein 9-Jähriger schon alles gesehen haben muss, um diesen Traum zu haben.
Doch dann ist er wieder ganz Kind: "Jetzt gehe ich in mein Zimmer und spiele mit meinen neuen Sachen."


Ahmed selbst hat keine Kinder, aber jedes Mal, wenn er mit Klassikmusik im Auto zum Entspannen nach Hause fährt, spürt er, wie sehr diese Kinder auch zu seinen werden und wie stark ihn ihre Schicksale mitnehmen. An Menschen wie Ahmed können sich viele von uns eine Scheibe abschneiden: Er versteht zuerst die anderen Kulturen, um seine eigene besser zu erklären. Das ist gelungene Integration.


Flüchtlinge helfen Flüchtlinge

Bei unserer Schuhkartonverteilung habe ich zufällig zwei junge Männer kennengelernt: Qemal und Algert. Beide sind Asylbewerber aus Albanien und sind vor einem Jahr nach Deutschland geflohen. Sie sind extra zu der Veranstaltung hinzugekommen, um bei der Verteilung zu helfen: „Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man hier ankommt. Es ist alles fremd und man hat es nicht leicht“, erzählt der 20-jährige Qemal aus eigener Erfahrung. Seine Familie steht in Albanien unter Blutrache; sein Leben war geprägt von ständigen Sicherheitsvorkehrungen; er konnte nie unbekümmert draußen spielen oder einfach mal Kind sein. Als die Gefahr zu groß wurde, floh die Familie und hofft nun, in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Zu sehen, dass man den Kindern in Ohrdruf eine ganze Weihnachtsfeier mit Schuhkartongeschenken ermöglicht, macht ihn sehr glücklich. Schließlich weiß er genau, wie ängstlich die Kleinen hier ankommen.

Der 23-jährige Algert (rechts im Bild), der Ziehvater Helmut Rieth (mittig) und
der 20-jährige Qemal (links). Zwei junge Männer, die voller Verzweiflung
aus ihrem Land Albanien fliehen mussten, sich voller Mut ein neues Leben in Deutschland aufbauen
und voller Hoffnung für eine Zukunft beten.


Um in Deutschland bleiben zu können, tun die Jungs wirklich alles: „Ich arbeite als Dolmetscher - bei der Polizei, in der Ausländerbehörde, im Krankenhaus, einfach überall. Dann habe ich einen Nebenjob bei Burger King und jeden Nachmittag verbessere ich meine Deutschkenntnisse im Sprachkurs“, sagt der 24-jährige Algert mit einem hoffnungsvollen Unterton. Er hat in Albanien bereits Finanzwirtschaft studiert und kann sich bei der hier ansässigen Sparkasse gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz ausrechnen. Auch Qemal lässt nichts unversucht, um sich bestmöglich in unsere Gesellschaft zu integrieren: „Ich habe in wenigen Monaten Deutsch gelernt, das geht. Wenn man konzentriert bei der Sache ist und das wirklich will, dann geht das. Da muss man dann eben auch bis drei Uhr nachts die Bücher wälzen.“ Unterstützung bekommen die beiden Vorbild-Zuwanderer besonders von dem ehemaligen Landtagsabgeordneten Helmut Rieth, der sich um die beiden kümmert, als wären es seine eigenen Söhne: „Ich habe sie dann erstmal vier Monate lang in unserer Gemeinde wohnen lassen, bevor sie eine Wohnung hatten. Die Jungs sind so clever und bemühen sich so sehr; ich bin sehr stolz auf sie.“


Egal, woher die Kinder kommen:
Keines von ihnen hat es leicht, aber jedes von ihnen freut sich über ein Schuhkartongeschenk.


Ein Bild, das zum Nachdenken anregt: Rechts von mir standen Hunderte von Flüchtlingen, die erst wenige Tage oder Wochen in unserem Land sind und zum ersten Mal ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Links von mir durfte ich zwei motivierte junge Männer kennenlernen, die keine Mühen scheuen, um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden (bis hin zu der Liebe für deutsche schnelle Autos). Rechts standen diejenigen, die noch lange Unterstützung brauchen; links standen zwei wunderbare Beispiele, wie diese Unterstützung einmal Früchte trägt und selbst zu einer Unterstützung für andere Flüchtlinge wird. Ein Bild, das Hoffnung schenkt. Genau wie eure Schuhkartons.


Dieses kleine Mädchen ist ganz traurig, dass die Kartoffeln schon leer sind.
Denn Kartoffeln sind bei den Kindern ein echter Hit. An den Spinat muss sich
der ein oder die andere noch gewöhnen, aber der ist natürlich wichtig,
um wieder zu Kräften zu kommen - das wusste schließlich schon Popeye! 


Warum eigentlich nicht „zweizehn“?

Zum Schluss möchte ich euch noch eine schöne Anekdote mit auf den Weg geben: Als ich auf der Schuhkartonverteilung die Freundinnen Zainab aus dem Irak und Alessa aus Syrien kennenlernte, fragte ich sie nach ihrem Alter; sie hatten die Frage sofort verstanden und Alessa sagte: „Ich bin dreizehn.“ Daraufhin sagte Zainab: „Ich bin zweizehn.“ Ich schmunzelte und berichtigte es in „zwölf“. Doch gleichzeitig fragte ich mich, warum das eigentlich „zwölf“ heißt und nicht „zweizehn“, denn die Denkweise der Mädchen erschien mir viel logischer.

Zainab (links), ihr kleinere Bruder (rechts) und die Freundin Alessa (mittig) beim Mittagessen. 

Alessa mit ihrem 5-järigen Bruder Naijime. Insgesamt ist die 13-Jährige mit ihrer Mutter,
dem Vater, vier Geschwistern, einem Schwager und einem 2-jährigen Neffe aus Syrien geflohen.
Am dankbarsten ist die Familie, dass jeder überlebt hat.


Das waren nun einige unterschiedliche Einblicke auf einer einzigen Verteilung an Flüchtlingskinder. Insgesamt finden in diesen Tagen rund 40 Weihnachtsfeiern statt, in denen Gemeinden und andere Organisationen, die mit eurer Unterstützung zusammengestellten Schuhkartons verteilen. Jedes Päckchen stiftet Hoffnung und kann ein Beitrag sein, einem Kind, aber auch dessen Eltern, den Weg aus der Angst heraus und in ein friedliches Leben zu zeigen.



Sonntag, 20. Dezember 2015

Eine Reise mit vielen Begegnungen – Teil 1

Autorin: Jenifer Girke

Seit August bin ich Redakteurin bei Geschenke der Hoffnung und halte euch stets auf dem Laufenden über „Weihnachten im Schuhkarton“. Ich habe nahezu alle Fotos von den letzten WiSionsreisen gesehen, kenne jedes Video fast auswendig, kann aus dem FF mehrere Geschichten von Empfängerkindern erzählen und weiß nicht mehr, wie oft ich mich über den Anblick eines lachenden Kindes gefreut habe, während ich all die Facebook-Posts und Blogartikel verfassen durfte. Doch seit letztem Sonntag hat sich etwas Grundsätzliches geändert, denn in den letzten fünf Tagen war unser Medienteam wieder unterwegs. Dieses Mal in Rumänien, und ich mittendrin.

Mittendrin, zwischen Freude und Verzweiflung, Geschenke und Armut, Mitgefühl und Fassungslosigkeit. Jetzt kenne ich nicht nur die Fotos, sondern habe selbst mit den Kindern geredet. Ich schreibe nicht nur über die ärmlichen Verhältnisse, ich habe selbst in den Baracken gestanden und gefroren. Ich sehe nicht nur das Kinderlachen, ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört. 


Filmset in einer armen Romasiedlung in Tulcea. Wir frieren in Winterkleidung, die Kinder um uns tragen nur dünne Hosen, kaputte Schuhe und manche laufen sogar barfuß herum.


Alle Begegnungen und Verteilungen würden den Rahmen von einem oder zwei (oder drei oder vier) Blogartikel bei Weitem sprengen, doch ein paar der vielen einzigartigen Geschichten möchten wir gleich mit euch teilen, damit ihr wisst, wie eindrucksvoll diese Reise mit EUREN Schuhkartons war.


Begegnungen von Tag 1

Etwas zurückgeben erfüllt das Leben mit Sinn

Am Montagmorgen trafen wir uns mit unseren rumänischen Kollegen, um den ersten Dreh zu starten. Wir besuchten eine junge Frau namens Esther, die eine tragende Rolle in einem unserer kommenden Filme spielen wird. Esther ist ein Opfer der rumänischen Problemgesellschaft – hier ist es unglaublich schwer, eine Arbeit zu finden und die Familie zu ernähren. Aus diesem Grund ist Esthers Mutter nach Italien gegangen und hat ihre Tochter mit zwei Brüdern und dem Vater alleine gelassen. Die 24-Jährige putzt, kocht, wascht und erzieht ihre Brüder. Nebenbei hat sie ein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte absolviert, doch sie hegt wenig Hoffnung, auch in diesem Beruf zu arbeiten: „Ich werde hier keine Stelle finden und wer sollte sich dann um meine Familie kümmern?“ 

Seit Esthers Mutter fortgegangen ist, ist ihre Großmutter die einzige weibliche enge Verwandte. Zu ihr kann sie gehen, wenn der Haushalt, die Erziehung der Brüder und die Launen des Vaters einfach zu viel werden. 

Eigentlich hätte Esther kaum einen Grund, um positiv in ihre Zukunft zu blicken. Außer einen: „Weihnachten im Schuhkarton“. Denn als sie noch ein kleines Mädchen war, hat sie selbst einen Schuhkarton bekommen und dadurch erfahren, dass sie geliebt und wertvoll ist: „Dieses Gefühl will ich an all die anderen Kinder weitergeben.“ Genau das macht sie: Schon viele Jahre engagiert sich Esther bei „Weihnachten im Schuhkarton“ und wurde erst vor kurzem gefragt, ob sie nicht Regionalleiterin von dem Gebiet Constanta werden will: „Dieses Angebot bedeutet mir sehr viel, denn es heißt, dass man mir vertraut.“ Wir vertrauen Esther auch und sind begeistert von ihrer Lebensfreude und ihrer grenzenlosen Liebe zu den Kindern ihres Landes.

Eine junge Frau mit einem starken Willen, den Menschen in ihrem Land zu helfen - und zwar mit euren Schuhkartons!

Ein Engel für Straßenkinder

Gabriela ist 37 Jahre alt und Leiterin des Kindergartens „Second Chance“ im rumänischen Mangalia. Sie kümmert sich rührend um jeden einzelnen ihrer Schützlinge, mit viel Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung – Dinge, die den Kindern zu Hause oft fehlen. Sie holt kleine Kinder von der Straße, gibt ihnen etwas Warmes zu essen und nimmt sie liebevoll in den Arm, wenn sie traurig sind. Jeden Tag, immer wieder, seit 12 Jahren: „Einmal wollte ich kündigen, ich hatte sogar schon einen anderen Vertrag unterschrieben, aber dann hat Gott mein Herz verändert und ich konnte einfach nicht gehen. Zum Glück, denn diese Kinder gehören zu mir!“ 

Bainol ist eines von Gabrielas Schützlingen, den sie liebevoll in die Gruppe mitaufgenommen hat.

Eines dieser Kinder ist Bainol, der von Sozialarbeitern in einem ganz verstörten Zustand zu Gabriela kam. Er wusste weder seinen Namen, noch wo er herkam und Nähe konnte er nur schwer aushalten. Tag für Tag ließ er die anderen Kinder und seine Kindergärtnerin etwas mehr an sich heran und fing an zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ihn lieben. Genau das wurde ihm an diesem Weihnachten auf eine ganz neue Art und Weise gezeigt: mit einem Schuhkarton. Wie groß war seine Freude, als er all die liebevollen Geschenke auspacken durfte! Und Gabriela stand mit Tränen in den Augen vor uns und bedankte sich: „Genau das brauchen diese Kinder. Sie sollen wissen, wie sehr sie geliebt sind. Danke, dass Sie das möglich machen.“ Dieser Dank geht natürlich an euch, an alle Päckchenpacker und Spender!


Als eingeschüchtertes Straßenkind kam Bainol in den Kindergarten,
jetzt ist er ein glücklich beschenkter Junge.


Schuhkarton im Schlamm auspacken

Eine von Armut besonders stark betroffene Gruppe der Gesellschaft in Rumänien sind die Sinti und Roma. In der Nachbarschaft Colonisti leben viele Romafamilien unter nur schwer vorstellbaren Bedingungen. Zunächst dachte ich, wir würden auf eine Müllhalde fahren, so viel Abfall und Dreck lag dort herum. Als die Kinder ihre Schuhkartons bekommen haben, setzten sie sich auf den dreckigen Boden, rissen die Kartons auf und freuten sich von Herzen über all die Geschenke. Sie kümmerten sich nicht um die Schlammpfützen, die Minusgrade oder die herumlaufenden Tiere, die gierig an den Schuhkartons rochen. Diese Mädchen und Jungen waren durch eure Geschenke ganz weit entfernt von ihrer Armut und dem harten Alltag, denn dieser Alltag wurde durch die Bescherung unterbrochen und gab den Kindern einen Grund zur Freude.


Die kleine Elif ist gerade einmal zwei Jahre alt und war ganz fasziniert von ihrem Schuhkarton.
So viel Aufmerksamkeit ist die Kleine nicht gewohnt.
Selcuic sagte vor der Verteilung: "Ich freue mich so sehr, dass ich überhaupt ein Geschenk bekomme;
mir ist nicht wichtig, was da drin ist."

Begegnungen von Tag 2 

Nicht jeder will die Schuhkartons

Auf der Reise mussten wir auch erleben, wie sich Menschen negativ beeinflussen ließen und den Kindern die Freude über einen Schuhkarton verwehren wollten. Als wir in dem Dorf Darabani ankamen, erwarteten wir 140 Kinder einer Grundschule; wir waren perfekt vorbereitet und sogar die Sängerin Déborah Rosenkranz war mit ihrem Gitarristen Simon dabei, um den Kindern ein Lied voller Liebe und Hoffnung vorzusingen. Doch dann erhielten wir die Nachricht, dass sich die Schulleiterin plötzlich umentschieden hatte; früh morgens traf sie in der Schule ein und verschloss sogar die Tür zu dem Zimmer, das für die Verteilung extra hergerichtet worden war. Der Grund ist kaum zu glauben: Ein orthodoxer Priester befürchtete, dass ihm durch die Schuhkartons zu viele Menschen aus dem Gottesdienst fernbleiben und eine andere Gemeinde suchen würden. Unser Verteilpartner in dem Bezirk Mangalia ist selbst Pastor und kennt die Ängste der Orthodoxen: „Wir geben den Menschen eine Botschaft voller Hoffnung und Nächstenliebe mit auf den Weg. Bei uns werden sie nicht mit einem strafenden Gott und der ewigen Sünde konfrontiert. Sie sollen wieder glauben, und zwar an einen Gott, der sie liebt und an eine bessere Zukunft. Das sehen die Orthodoxen als starke Konkurrenz.“ Zwar ist die Beziehung nicht in allen Gebieten so verfeindet und wir haben zahlreiche Verteilungen, die auch in orthodoxen Gemeinden stattfinden bzw. bei denen es keinerlei Gegenstimme gibt, doch solche Einzelfälle kommen immer wieder vor. Die Schulleiterin hatte einfach Angst vor ihrem Ruf und dem nächsten Sonntagsbesuch in der Kirche.

Endlich konnten die Kinder zu der Verteilung kommen -
140 erwartungsvolle Schüler durften wir mit euren Schuhkartons beschenken.


Letztendlich konnte unser Partner sie von einem Kompromiss überzeugen: Die Verteilung fand statt, aber nicht in den Räumen der Schule, sondern in einem sehr nahe gelegenen Gemeinderaum. Wir waren so dankbar, als endlich die Mädchen und Jungen durch die Tür kamen und sich mit großen Augen erwartungsvoll auf die Stühle saßen! Déborah sang ihnen den Song „Beautiful, wonderful, powerful“ vor und erinnerte die Kinder daran, wie geliebt sie sind. Und dann kam das große Auspacken – so viele strahlende Gesichter, selbst die Schulleiterin strahlte über das ganze Gesicht: „Es ist so gut, was Sie für diese Kinder tun. Genau das brauchen sie. Danke!“ Was für eine Wendung! Eure Schuhkartons erreichen nicht nur die Herzen der Kinder, sondern sie berühren auch die Herzen von anderen Menschen, die dadurch eine ganz neue Art der Dankbarkeit erfahren.


Die Freude war bei jedem der Kinder so groß und das steckte auch die anfangs so skeptische Schulleiterin an.

Ein Mädchen schämt sich für ihre Armut

Eines der Kinder, die an diesem Tag beschenkt wurden, ist Maria. Sie ist erst 13 Jahre alt , aber hat schon fast vergessen, wie es ist, wenn man sich freut. Überraschend ist das nicht, denn in ihrem Leben gibt es für sie kaum einen Grund zur Freude: Mit vier Geschwistern lebt sie in einem klapprigen Zuhause, was aus Schrottteilen zusammengebastelt ist; ihre Mutter ist depressiv und überträgt ihre melancholische Stimmung auf die Kinder. Der Teenager hat kaum Möglichkeit, sich zu waschen und Hygieneartikel können sie sich nicht leisten. Die anderen Kinder um sie herum, die auch arm aber nicht so arm sind, merken und reichen es. Deswegen hat Maria jedes Mal, wenn sie in die Schule geht, Angst ausgegrenzt und ausgelacht zu werden. Bei der ca. einstündigen Verteilung habe ich Maria kaum lächeln gesehen; während die anderen Schüler mitgesungen und geklatscht haben, saß sie einfach da und starrte traurig in die Luft. 

Während die anderen Kinder voller Vorfreude auf ihren Plätzen herumzappelten,
schaute Maria ganz traurig vor sich hin.

Doch dann kam auch ein Schuhkarton zu Maria und sie schien fast etwas überrascht zu sein. Ein Geschenk für sie? Nur für sie? Als sie das Geschenk nach oben hielt, fiel ihre tiefe Traurigkeit plötzlich ab und sie schenkte uns ein Lächeln! Auch nachdem sie die Geschenke ausgepackt hat, kam dieses Lächeln immer wieder zum Vorschein. Ein Schuhkarton kann vielleicht nicht Marias Mutter heilen oder ein neues Zuhause bauen, aber er zeigt diesem Mädchen, dass sie geliebt ist und dass es Menschen gibt, die an sie glauben. So eine Überzeugung verhilft den Kindern zu einer neuen Hoffnung, zu mehr Lebensfreude – das merken auch die Eltern!
Und was Maria angeht – Sie hat einen wunderbaren Traum, den sie sich gerne erfüllen möchte: „Ich möchte Ärztin werden, um anderen Menschen zu helfen.“

Der Schuhkarton ließ Maria ihre Sorgen für eine Weile vergessen
und schenkte ihr große Freude!


Das waren Eindrücke der ersten beiden Tage unserer Reise – fünf Begegnungen von vielen weiteren, die alle ein Beispiel dafür sind, wie „Weihnachten im Schuhkarton“ in den Herzen der Kinder und in den Herzen aller anderen Beteiligen wirkt. Wie es in Rumänien weiterging und wen wir noch kennenlernen durften, lest ihr im zweiten Teil.





Donnerstag, 17. Dezember 2015

Als Bettler von Rumänien nach Schweden

Autorin: Jenifer Girke

Wir sind gerade in Rumänien, um über Verteilungen zu berichten; gestern war der dritte Tag unserer WiSionsreise. Nach zwei Tagen voller Eindrücke von Schuhkarton-Erlebnissen unter denkbar ärmlichsten Verhältnissen dachte ich, mich könne so schnell nichts mehr schocken. Fehlanzeige. Denn gestern habe ich Mihaela und ihre sechs Geschwister kennengelernt: Zurückgelassen und alleine. Ohne Eltern. Ohne Hoffnung.

Verteilungen finden meistens in Kirchengemeinden, Schulen oder sozialen Einrichtungen statt, doch gestern sind wir zu verschiedenen Romafamilien nach Hause gefahren, um dort die Kinder mit einem Geschenk zu überraschen. Schon als man aus dem Auto stieg, ahnte man, dass man gleich in eine Welt eintauchen würde, die sich kaum stärker von unserer unterscheiden könnte, deren Zustände man nicht ändern kann, aber die man zuerst gesehen haben muss, um ihre Ursachen zu verstehen.


Freude und Mitgefühl so nah beieinander: Der 10-jährige Vasilica ist mächtig stolz auf seinen Schuhkarton,
auch wenn er Weihnachten in einer alten Baracke ohne seine Eltern verbringen wird.



Eine Baracke mit sieben überraschenden Gesichtern

Wir traten in ein Haus ein, was mehr eine Baracke war als ein Haus. Überall lagen Kothaufen von herumstreunenden Hunden, Katzen, Kühen und anderen Tieren auf dem Boden. Die Scheiben waren eingeschlagen, die Tür knarrte schon beim leichtesten Luftzug. Langsam trat ich in den Raum herein – sieben erwartungsvolle Gesichter starrten mich an. Zum Glück war gleich die Übersetzerin Daniela an meiner Seite, die mein freundliches „Hallo, wir bringen euch Weihnachtsgeschenke aus Deutschland und Österreich“ für die Anwesenden übersetzte. Etwas verdutzt und immer noch ganz erstarrt löste sich langsam die Anspannung und nach ein paar Sätzen kam mehr und mehr ein Strahlen in den Augen der Kinder zum Vorschein. Die Kinder waren sieben Geschwister: die 19-jährige Haraisa, die ihre ein Monate alte Tochter Bianca im Arm hielt, dann saßen da Lenuta (12 Jahre), Lupu (7 Jahre), Mihaela (eine wahre Naturschönheit und 11 Jahre alt), Vasilica (10 Jahre) und der kleine Dipirica (2 Jahre). Auf die Frage, wo denn die Mutter sei, bekam ich eine Antwort, die nur schwer zu fassen war: Sie sei in Schweden. So auch der Vater. Zunächst hoffte ich, dass die beiden dort eine Arbeit gefunden hätten und die Kinder bald nachkämen, doch dem war nicht so: „Sie sind dort, um auf der Straße zu betteln. Jeden Monat schicken sie uns etwas Geld, wenn sie was übrig haben.“


Vier von den sieben Geschwister, die schon ganz gespannt auf die Schuhkartons warten.


Eine Zukunft ohne Wünsche ist keine Zukunft

Doch eine andere Antwort hat mich fast noch mehr berührt, beziehungsweise eine Nicht-Antwort. Denn kein einziges der Kinder konnte mir die Frage beantworten, was er oder sie später einmal werden wolle. Fünf Minuten lang redete ich mit ihnen darüber, was es denn nicht für tolle Möglichkeiten gäbe, ob Ärztin, Koch oder Frisörin. Doch niemand der sieben Geschwister hatte einen Wunsch für seine Zukunft. Die Erklärung liegt erschreckend nahe, denn die meisten der Kinder haben keine Zukunft, zumindest denken sie das und kennen es in ihrer Kultur nicht anders. Erschreckenderweise werden die meisten Mädchen in Romagemeinschaften verkauft, wenn sie 10 Jahre alt sind, und das für umgerechnet ein paar lächerliche Euros. Danach bekommen viele der Teenager bereits mit 15 Jahren selbst schon das erste Kind. Einige Jungs haben mit 16 Jahren mehrere Ehefrauen. Die Eltern halten die Kinder davon ab, die Schule zu besuchen: „Sie sagen ihnen, dass sie lieber arbeiten sollen und wenn sie keine Arbeit haben, dann sollen sie betteln, stehlen oder schicken die Mädchen sogar in die Prostitution“, erklärt uns unsere rumänische Kollegin Cerasela, die schon viele Jahre bei „Weihnachten im Schuhkarton“ aktiv ist.


Die 12-Jährige Narcisa sieht so glücklich aus, als sie ihren Schuhkarton auspackt. 


Die älteste Schwester erzählte Cerasela, dass sie sich sehr für diese Armut schämt und nicht möchte, dass ich einen schlechten Eindruck von ihr habe. Diese Reaktion zeigt die Hilflosigkeit der betroffenen Kinder, die in ein Gesellschaftssystem gesteckt werden, das ihnen jegliche Perspektive nimmt, aber aus dem sie sich selbst auch nicht befreien können. Letztendlich nimmt ihnen dieses System auch die Eltern, die dann in Schweden, aber auch auf deutschen und österreichischen Straßen, herumbetteln und an die man selbst zu oft unbedacht vorbeiläuft.


Schönheit und Freude trotz Elend und Armut

Eines der Kinder fiel mir sofort auf, denn ihre Naturschönheit steckte an und ließ meinen Blick nicht mehr los. Mihaela ist trotz ihrer Armut ein sehr elegantes und feminines Wesen. Als sie ihren Schuhkarton bekam, packte sie Gegenstand für Gegenstand ganz behutsam aus, merkte sich die Anordnung und packte alle Dinge wieder exakt in derselben Reihenfolge zurück. Sie lächelte und strahlte, als sie all diese Geschenke sah und war sehr dankbar, dass jedes ihrer Geschwister einen Schuhkarton bekam. Neben all den Spielsachen und Kleidungsstücken, erhielt eine Sache ganz besondere Aufmerksamkeit: Süßigkeiten. „So etwas kennen sie nicht, das haben sie noch nie gesehen und Hunger ist das dringendste Bedürfnis von allen, erst wenn der gestillt ist, kann man auch spielen“, erklärt mir Cerasela. Nach einiger Zeit fing Mihaela sogar an, unsere Kamera zu mögen und genoss es sehr, als wir sie ganz alleine mit ihrem Schuhkarton wie ein kleines Model fotografierten.


Mihaela, 11 Jahre alt: Eine wahre Naturschönheit
mit einem ganz besonderen Weihnachtslächeln.

Mit eurem Schuhkarton habt ihr diesem wunderschönen Mädchen
eine Botschaft voller Hoffnung vermittelt:
Du bist wertvoll. Du bist geliebt.


Es geht um diesen einen Moment

Hätten wir keine weiteren Verteilungen mehr besucht, wäre ich wohl den ganzen Tag dort geblieben. So grausam es auch ist, diese Bedürftigkeit und Not zu sehen, umso schöner und wohltuender ist der sichtbare und spürbare Beweis, wie so ein Schuhkarton selbst schreckliche Lebensumstände in den Hintergrund rückt. In diesem Moment waren alle sieben Geschwister glücklich. In diesem Moment dachten sie nicht daran, was sie essen oder anziehen sollen. In diesem Moment war Weihnachten. Und Kinder haben erleben dürfen, dass sie beschenkt werden und geliebt sind. Und diesen Moment möchten wir mit euch teilen, denn das ist die allergrößte Motivation weiter (und mehr) zu packen.

Der 7-jährige Lupu kann es noch gar nicht wirklich glauben, dass der ganze Schuhkarton nur ihm gehört.


Von dem Romadorf ging es gleich weiter zu einer Kindertagesstätte und von dort zu einer weiteren Verteilung in einer Kirchengemeinde. Die letzte Verteilung war schwer zu erreichen, wir alle waren bereits voll mit Eindrücken und sehr erschöpft. Doch als wir über eine Stunde später endlich ankamen, hatte die Verteilung noch nicht begonnen, weil alle auf uns gewartet hatten. Und man kann sich vorstellen, wie schwer es ist, als Kind eine Stunde länger auf Geschenke zu warten… Da stand ein Kinderchor auf der Bühne, es wurde gemeinsam gesungen und über Weihnachten berichtet. Ich selbst durfte Schuhkartons an Kinder und Teenager vergeben und sehen, wie sich ihre Mundwinkel immer weiter nach oben zogen und ihre Augen immer größer wurden, als sie EURE Geschenke in der Hand hielten. Jegliche Müdigkeit war verdrängt, das Herz stand weit auf und ich war wieder einmal überwältigt.


So feste pustet der 7-jährige Lupu seinen neuen Luftballon auf.


So springen die Gefühle von Betroffensein zu Mitfeiern, von Schockstarre zu Freudenschrei, von Fassungslosigkeit zu Dankbarkeit, von Schuhkarton zu Schuhkarton. Ohne eure Päckchen gäbe es diese Geschichten nicht, ohne euer Engagement hätten wir nichts zu berichten. Danke, dass ihr das alles möglich macht!

Wir sind gespannt, was wir noch alles erleben dürfen und werden euch wie immer daran teilhaben lassen (auch über Facebook und Instagram).



Donnerstag, 10. Dezember 2015

Sonderaktion läuft – aber wie?

Schnell und gezielt, nicht auf Biegen und Brechen – so könnte man die Frage in der Überschrift schnell beantworten. Die Flüchtlinge brauchen sofortige Unterstützung, aber wir wissen, dass auch große Bemühungen wenig effektiv sind, wenn zu viel durcheinander läuft. Deswegen ist es für Geschenke der Hoffnung e.V. umso wichtiger, die „Weihnachten im Schuhkarton“-Sonderaktion für Flüchtlingskinderin Deutschland mit gut strukturierten, erfahrenen und vertrauenswürdigen Verteilpartnern durchzuführen. Aber dass so viele professionelle und engagierte Partner unverzüglich zusagen würden, haben wir kaum zu hoffen gewagt. Wir freuen uns, dass Flüchtlingskinder in einer wohltuenden Umgebung ein fröhliches Weihnachten feiern werden, mit Weihnachtsbaum, Christkind und Geschenk. So auch mit „Der guten Karin“...


Karin und ihre Familie genießen es, anderen Kulturen zu begegnen - ob im Ausland oder in Deutschland.


Aus eigener Erfahrung lernen und handeln

Einem Kind das Licht dieser Welt schenken, es in die Arme einer glücklichen Mutter übergeben und dabei sein dürfen, wenn die Mutter-Kind-Beziehung ihren Anfang nimmt – das ist Karins Berufung und Leidenschaft. Als Hebamme hat sie ein ganz besonders sensibles Gespür für Kinder und ihre Bedürfnisse. Sie selbst musste eine schwere Kindheit ertragen, in der sie vernachlässigt und sie in vielerlei Hinsicht alleine gelassen wurde. Doch als sie 12 Jahre alt war, lernte Karin Menschen und einen Glauben kennen, mit dem sie Erlebnisse aufarbeiten konnte: Mit viel Nächstenliebe, Geduld und Verständnis schaffte sie es, Frieden zu schließen: „Ich kann mir die Geschichten aus der Vergangenheit ansehen und empfinde nichts als Frieden und Vergebung.“ Genau dieses Gefühl wünscht sie auch den Flüchtlingsfamilien, vor allem den Kindern. Sie fliehen vor Terror, Bürgerkriegen und Hungersnöten; sie kommen verzweifelt und traumatisiert in den europäischen Ländern an; sie suchen Schutz und einen sicheren Raum für sich und ihre Angehörigen: „Man muss diese Menschen mit dem Herzen sehen. Sie brauchen nicht nur äußeren Schutz vor Krieg, sondern auch innere Heilung.“ 

Karin kennt die Zustände in Krisengebieten und Entwicklungsländern, denn als Hebamme lebte und arbeitete sie lange Zeit in Tansania – einem Land, in dem es nach wie vor zu Zwangsheirat und schrecklichem Missbrauch kommt. Von ihrem Einsatz für swahelische Frauen und werdende Müttern stammt auch ihr Swahili-Spitzname „Karin Sawa“, zu Deutsch „Karin ist gut“. Auch jetzt möchte Karin „gut sein“ – gut zu denjenigen, denen es nicht gut geht.


Ein Familienausflug in Tansania: Jeder wird gleich behandelt - das ist das aller Wichtigste!

Das letzte Familienfoto aus Tansania. Ob Afrika oder Deutschland:
Diese Familie steht zusammen und setzt sich für diejenigen ein,
die keine Familie und kein Zuhause haben.


Das 3. Weihnachten mit und für Flüchtlinge

Seit 2008 kümmert sich Karin mit ihrem Mann um Flüchtlinge: „Damals hat man einfach noch nicht von Flüchtlingen geredet. Das waren eben Asylbewerber.“ Es waren verstärkt Balkanflüchtlinge, vor allem Roma aus Mazedonien und Georgien; außerdem kamen viele Menschen aus Tschetschenien, Aserbaidschan und sogar China. Ein paar Jahre lang, so erinnert sich Karin, flachte der Zustrom an Flüchtlingen zwar ab, aber seit 2013 stieg die Anzahl der Geflüchteten wieder enorm an, besonders somalische, syrische und irakische Flüchtlinge gehörten nun dazu.

Vor drei Jahren entschied sich das Ehepaar, einige der Flüchtlinge an Weihnachten zu sich nach Hause einzuladen – das Wohnzimmer platzte fast aus allen Nähten. Ein Jahr später war der Wunsch, den Schutzsuchenden ein besinnliches Weihnachten zu bereiten so stark, dass sich ihre Kirchengemeinde mit fünf weiteren Gemeinden der deutschlandweiten AMIN-Gruppe der Deutschen Evangelischen Allianz anschloss. Von nun an konnten sich die Gemeinden als Arbeitskreis Migration & Integration (AMIN) Hoher Westerwald noch intensiver und professioneller um die Belange der Flüchtlinge kümmern.


Ein Weihnachten zu Hause mit Flüchtlingen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt (2013).

Letztes Jahr ermöglichten sie so den Flüchtlingen ein großes Weihnachtsfest: Sie erklärten, was man überhaupt an Weihnachten feiert, genossen die Gemeinschaft und setzten ein klares Zeichen für Integration und Hilfsbereitschaft. Ein kindgerechtes Puppenspiel mit wenig deutschen Worten aber einer umso deutlicheren und rührenden Darstellung brachte den Flüchtlingskindern die Weihnachtsgeschichte näher. Sie lernten das Kind in der Krippe kennen und zu verstehen, was das heute noch für Christen bedeutet. Ein Problem, dass unter den Flüchtlingen auch viele Muslime sind, sieht Karin nicht. Schließlich bleibt die Botschaft immer dieselbe und ist für jeden Einzelnen gleich: „Ich möchte, dass diese Menschen am Weihnachtsabend die Liebe Gottes spüren und sich eingeladen fühlen, an unserer Weihnachtsfreude teilzuhaben, selbst wenn sie eigentlich an etwas ganz anderes glauben.“

Viele der Flüchtlinge fühlten sich so wohl auf der Weihnachtsfeier, dass sie in diesem Jahr wieder dabei sein werden. Insgesamt haben die Gemeinden rund 70 Migranten eingeladen, darunter sind ca. 25 Kinder. Letztes Jahr musste sich Karin alleine um die Geschenke der Kinder kümmern und sie ist sehr dankbar, dass diese wichtige Aufgabe nun von „Weihnachten im Schuhkarton“ übernommen wird. Denn „ein Geschenk heißt: ‚Ich habe an dich gedacht und du bist in unserer Mitte willkommen.'“


Karin mit einer afghanischen Familie - auch für diese wundervolle Familie gilt: "Ihr seid willkommen!"

Samosa und Falafel anstatt Gänsekeule und Grünkohl

Obwohl die Weihnachtsfeier in Deutschland stattfindet, möchte Karin den Flüchtlingen die Möglichkeit geben, auch ihre Kultur vorzustellen. Essen ist dabei ein wichtiges Brückenelement: Durch verschiedene Speisen der unterschiedlichen Herkunftsländer zeigen die Gemeinden an Heilig Abend, dass sie die Flüchtlinge und ihre Kultur kennenlernen und verstehen möchten und ihnen nicht alle deutschen Bräuche wie die Weihnachtsgans „auftischen“.

Als großer Höhepunkt für die Kinder werden zum Schluss die Schuhkartons unserer Sonderaktion verteilt, wobei jedes Päckchen die Bedeutung des gesamten Abends noch einmal unterstreicht: „Du bist willkommen. Du bist geliebt.“ Gemeinsames Essen, gemeinsames Beten, gemeinsames Feiern, gemeinsames Schenken und beschenkt werden. So ist Weihnachten – das Fest der Liebe.

Nach Weihnachten geht es natürlich weiter – der Arbeitskreis Migration & Integration (AMIN) Hoher Westerwald kümmert sich langfristig um die Flüchtlinge. Ob Behördengänge, Deutschkurs oder Wohnungssuche – je nachdem, wie lange die Menschen schon in Deutschland sind und welche Perspektiven und Bedürfnisse sie haben, werden sie bei AMIN eine passende Hilfestellung finden.

Karin wird auf jeden Fall auch nach Weihnachten weitermachen und wir sind sehr dankbar, dass eure Schuhkartons durch ihr Engagement an Kinder verteilt werden, die sich unvorstellbar über dieses Geschenk freuen werden, auch weil sie hier und jetzt am wenigsten damit rechnen.

Karin mit einem somalischen Ehepaar - für viele ist sie eine Ersatzmutter,
eine starke Freundin oder eine Schwester im Glauben, manchmal auch alles auf einmal.


Den richtigen Blick haben

Auf die Frage, was sich Karin von unserer Gesellschaft wünscht und wie man am besten helfen kann, ist ihre Antwort ebenso simpel wie herausfordernd: „Von einer Million Flüchtlinge werden viele wieder gehen müssen. Aber ich wünsche mir, dass die Menschen einen Blick für die haben, die hier bleiben dürfen und einsehen, dass jeder davon die Chance haben sollte, auch wirklich anzukommen. Das geht nicht von heute auf morgen und natürlich gibt es Ängste. Aber Ängste ließen sich überwinden, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.“

Letztendlich geht es darum, was wir an Weihnachten mit Worten, Geschenken und Mühen immer wieder betonen: die Liebe. „Mit Liebe ließe sich viel überwinden, aushalten und verändern“, so Karin.


Karin mit einer sehr guten Freundin aus Somalia. Die beiden Frauen verbindet eine lange gemeinsame Reise,
 die alles andere als einfach war. Doch eines begleitete sie bei jedem Schritt: Die Liebe zu den Menschen und "die Liebe Gottes".


Der Arbeitskreis Migration & Integration (AMIN) Hoher Westerwald ist nur ein Beispiel unserer Verteilpartner für die Sonderaktion. Jeder Partner wird von unserem Team geschult und mit nötigem Equipment ausgestattet, darunter auch ein Feedbackbogen. Damit können wir nach der Aktion resümieren, wie die Kinder diese Weihnachtsfeiern erlebt und auf die Schuhkartons reagiert haben. Eines steht fest: Jedes Päckchen ermöglicht einem Flüchtlingskind, Leid und Sorgen zu vergessen und sich über ein Geschenk zu freuen, das von Herzen kommt. Dafür sagen wir DANKE – an alle Päckchenpacker, Spender, ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Weihnachtswerkstatt und an alle Verteilpartner!