Donnerstag, 24. September 2015

Zeit zum Staunen

Autorin: Jenifer Girke

„Man soll die Feste feiern, wie sie fallen.“ Das gilt schon seit 150 Jahren und daran hält sich auch „Weihnachten im Schuhkarton“. Ein ganz besonderes Fest feierten wir letztes Wochenende, als wir unsere 20. Saison einläuteten. Am Samstag starteten wir mit einem Connect-Treffen, auf dem über 60 Teilnehmer mit Partnern aus den Palästinensischen Gebieten, Polen, Weißrussland und den USA die letzten Jahre Revue passieren ließen, spannende Geschichten hörten und ihre eigenen erzählten, sich einem kniffligen Quiz stellten und Workshops zur Vorbereitung auf das große Packen besuchten. Am Sonntag ging es dann noch etwas traditioneller zu, als die Christuskirche in Berlin-Mitte fast aus allen Nähten platze, weil 300 Besucher Teil eines großartigen Festgottesdienstes wurden.


„Haben Sie heute schon gestaunt?“

… fragte unserer Geschäftsführer Bernd Gülker zu Beginn von Connect. Er führte aus, dass wir in der heutigen Gesellschaft die Kunst des Staunens schon fast verloren hätten, da wir uns selbst zu wichtig nähmen, für alles eine logisch nachvollziehbare Erklärung suchten und dadurch jegliche Gründe zum Staunen „wegrationalisierten“. Doch „Weihnachten im Schuhkarton“ geht weiter: „Hier passieren Dinge, die wir nicht erklären können.“ Wenn ein frierendes Mädchen in einem Schuhkarton plötzlich einen Pullover in genau der richtigen Größe findet oder ein armer Junge ein Paar passende Winterstiefel erhält und eine Mutter nach Jahren der Verzweiflung durch das Strahlen ihrer Kinder selbst wieder Lebensfreude und eine Wärme in ihrem Herzen verspürt, dann ist das erSTAUNlich. Zum Auftakt motivierte Bernd Gülker seine Zuhörer: „Ich wünsche mir, dass wir wieder staunen können und mit „Weihnachten im Schuhkarton“ auch andere zum Staunen bringen.“


"Über nichts zu staunen ist dümmer als über alles zu staunen", so der Geschäftsführer Bernd Gülker. Sein Appell: Jeder abgegebene Schuhkarton ist ein Grund zum Staunen und ein wertvolles Geschenk, das man dankbar annehmen sollte.

Doch das war nur der Anfang. Das Staunen ging weiter, als unser Partner aus den palästinensischen Gebieten, Johnny Shahwan, die Erlebnisse in der Provinz Bethlehem mit den Besuchern teilte und sogar die palästinensische Botschafterin, Dr. Khouloud Daibes, die Aktion lobend hervorhob: „Weihnachten gibt uns Palästinensern die Hoffnung, dass es eine bessere Zukunft geben kann. Die Aktion "Weihnachten im Schuhkarton" setzt solch ein Hoffnungszeichen und ist ein Beitrag für den Frieden." Mitten in den Intifada-Kriegen baute Johnny ein Zentrum auf, in dem viele Kriegsflüchtige Schutz suchten. Umgeben von Trümmern und Bombeneinschlägen verteilte er zwischen den einzelnen Ausgangssperren Schuhkartons und sah inmitten des Leids ein Zeichen von Hoffnung und Freude in den Augen der Kinder. Auch heute werden noch Schuhkartons von ihm persönlich verteilt und er weiß genau, was diese Kinder dort besonders mögen: „Milka lila oder Rittersport ist der Hit - darauf warten die Kinder manchmal jahrelang.“


Johnny Shahwan sieht nicht die Kriege und Konflikte in seinem Land, sondern vor allem die Kinder und das Strahlen in ihren Augen, wenn sie einen Schuhkarton erhalten.


Von der Welt für die Welt

Nachdem die eine oder andere Träne weggedrückt oder mit einem Taschentuch abgewischt wurde, erzählten unsere Ehrenamtlichen aus Deutschland, wie sie die Aktion erleben und warum sie teilweise schon seit 15 Jahren dabei sind. Von mit Schuhkartons überfüllten VW-Bussen über evakuierten Kinderzimmern bis hin zu beschlagnahmten Kellerräumen war alles dabei. Auch die hauptamtlichen Mitarbeiter von Geschenke der Hoffnung wurden durch diese Erzählungen noch einmal daran erinnert, wieviel Leidenschaft unsere 11.000 Ehrenamtlichen im deutschsprachigen Raum – aber auch in den Verteilländern – in die Aktion stecken.
Die zweite Hälfte des Connect-Treffens bestand aus informativen Workshops, in denen man einiges über die Möglichkeiten der Mitarbeit, dem Leiten einer Sammelstelle und hilfreiche Tipps zur Bekanntmachung erfahren konnte. Abgerundet mit gutem Essen und noch besseren Gesprächen, nutzte jeder Besucher dieses Treffen auf seine eigene Art und Weise, um sich auszutauschen, zuzuhören und selbst zu berichten, zu vernetzen und selbst vernetzt zu werden und – ganz entscheidend – zu staunen und andere zum Staunen zu bringen.


Für jedes Päckchen dankbar sein

„Wir wussten nicht, was uns erwartet, ob überhaupt jemand kommen wird oder ob wir hier ganz alleine feiern“, begrüßte Bernd Gülker den überfüllten Saal der Christuskirche in Berlin-Mitte am Sonntagmorgen. Das Programm unseres Festgottesdienstes war das frühe sonntägliche Aufstehen auf jeden Fall wert: Die Besucher lernten Ilona kennen, eine 19-jährige junge Frau, die 1996 geboren wurde und mit den Schuhkartons groß geworden ist. Bei ihr gab es noch nie eine Vorweihnachtszeit ohne Schuhkartons! Auch internationale Partner ermöglichten Einblicke in die Schuhkarton-Welt ihres Landes: Besonders berührend war eine Rede von Sylwia Kurkierewicz aus Polen, die sich für die gute Zusammenarbeit mit Deutschland bedankte und den Besuchern eindrücklich erzählte, welch großen Unterschied so ein Schuhkarton in dem Leben eines polnischen Kindes macht: „Vor 14 Jahren hat ein junger Mann in der Nähe von Warschau ein Päckchen bekommen. Er weiß leider nicht, von wem er das erhalten hat, aber die Bedeutung hat er nie vergessen. Nur durch dieses Päckchen ist er 14 Jahre später in unsere Gemeinde gekommen und hat ein neues Leben angefangen.“ 

Sylwia und Marek Kurkierewicz aus Polen überreichten dem Team rund um "Weihnachten im Schuhkarton" ein ganz besonderes Geschenk.


Auch Nicolai Balbutski aus Weißrussland ließ die Zuhörer an der Aktion in seinem Land teilhaben. Er ist schon 19 Jahre Teil des weißrussischen Teams und hat viele Kinder mit der Aktion begleitet. So zum Beispiel auch Ira, ein 12-jähriges Mädchen, das an Krebstumoren im Gehirn und im Rückenmark leidet. Ihrer Mutter wurde das Sorgerecht entzogen und alle anderen Verwandten verweigern sich, das kleine Mädchen aufzunehmen. Deswegen bleibt sie im Krankenhaus und wird von einer alten Krankenschwester liebevoll umsorgt. Als sie mit „Weihnachten im Schuhkarton“ ein Päckchen erhalten hat, freute sie sich besonders über eine Haarbürste und ein Shampoo. Wegen der Chemotherapie hat Ira ihre Haare verloren, aber die, die jetzt nachwachsen, kann sie mit dem Shampoo und der Bürste gut pflegen, damit sie „wunderschön“ werden. Man solle sich nicht an das Gute gewöhnen und jedes Päckchen als ein kleines Wunder sehen – mit dieser Botschaft legte Pfarrer Roland Werner die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ den Gottesdienstbesuchern ans Herz. Und „Wunder“ trifft es wohl ganz gut, wenn man Geschichten wie die von Ira hört.

Nicolai Balbutski aus Weißrussland berichtet über seine Erlebnisse mit 19 Jahren "Weihnachten im Schuhkarton"


Der Gottesdienst wurde begleitet von einer Live-Band, die das Klischee langweiliger Kirchenmusik erfolgreich aufheben konnte und mit Lebendigkeit, einer modernen Pop-Art und ansprechenden Songs überzeugte. 


Langweilige Kirchenmusik? Nicht bei "Weihnachten im Schuhkarton"!


Der krönende Abschluss wurde von Bäckermeister Karl-Dietmar Plentz gestiftet: eine riesengroße Geburtstagstorte, deren Überbleibsel trotz 300 Besucher noch die ein oder andere Mittagspause in dieser Woche versüßte. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, kann den Festgottesdienst auch nochmal in voller Länge genießen: https://www.youtube.com/watch?v=fkQ6V17afdw


Bäckermeister Karl-Dietmar Plentz und Projektleiterin von "Weihnachten im Schuhkarton" Diana Molnar beim feierlichen Tortenanschnitt.


Danke an alle, die diese großartigen Veranstaltungen möglich gemacht haben. Doch noch viel wichtiger: Vielen Dank an EUCH, die diese großartigen bisherigen 19 Saisons überhaupt möglich gemacht haben!


Montag, 14. September 2015

„Ich werde das Leuchten in den Augen meiner Geschwister niemals vergessen“

Autorin: Jenifer Girke

Es ist wirklich erstaunlich, welche Geschichten sich hinter unseren Päckchenpacker verstecken, von denen wir leider nur einen Bruchteil mitbekommen. Vor ein paar Tagen sind wir über einen Facebook-Kommentar auf Sofia aufmerksam geworden, deren Geschichte wirklich erstaunlich ist. Sofia stammt aus Russland, wo sie in einem kleinen Dorf mit sechs Geschwistern und der alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist. Sie hatten kaum Geld und nicht einmal einen Kühlschrank oder fließendes Wasser im Haus: „Meine kleine Schwester war damals sehr krank wegen Unterernährung. Die Ärzte sagten nach ihrer Geburt, dass sie nicht überleben werde.“ Heute ist die Schwester 27 Jahre alt, gut ausgebildet und kerngesund.

Sofia mit ihrer kleinen Schwester auf dem Arm.

Viele der Kinder in Russland werden von ihren Eltern im Stich gelassen und sind den ärmlichen Bedingungen hilflos ausgesetzt. Sofia und ihre Geschwister hatten Glück, denn eine Frau aus Deutschland wollte benachteiligten Kindern in Russland helfen und wurde durch Sofias Gemeinde auf sie aufmerksam. Die Frau schickte ihnen ein großes Paket mit Süßigkeiten, Reis, Zucker, Tee und vielen weitere Lebensmittel, die sich die Familie niemals hätte leisten können: „Ich werde diese Freude, das Staunen und das Leuchten in den Augen meiner Geschwister niemals vergessen. “ Dieses Geschenk war mehr als nur ein Karton voller Hilfsgüter. – Es war ein Zeichen von Hoffnung, eine Geste der Nächstenliebe und vermittelte Sofia genau dieselbe Botschaft, die sie heute mit jedem ihrer Päckchen bei „Weihnachten im Schuhkarton“ vermittelt: „Ich konnte mich niemals bei dieser Frau bedanken. Deswegen tue ich heute das, was sie damals für uns getan hat.“ Sofia packt in diesem Jahr wieder drei Schuhkartons, in denen selbstgestrickte Kleidung nicht fehlen darf. Alles, was sie sonst noch strickt, spendet sie ebenfalls für einen guten Zweck; letztes und in diesem Jahr bereichert sie damit „Weihnachten im Schuhkarton“.

Sofia mit ihren Schwestern - das Auto gehörte nicht ihnen, aber es sah gut auf einem Foto aus. Die Familie hatten nicht einmal fließendes Wasser und hätten sich ein Auto niemals leisten können.

Die junge Russin ist mit ihrem ganzen Herzen bei der Aktion dabei: „Ich bin so froh, dass es Menschen gibt, die sich noch für diese zurückgebliebenen Kinder interessieren und dass Gott niemals ein Kind im Stich lassen würde, sondern immer das Beste für sie will.“ Was uns vor allem berührt, ist Sofias Wertschätzung demgegenüber, was wir mit „Weihnachten im Schuhkarton“ bewirken: „Ich liebe es, eure Fotos und Videos von diesen Kindern zu sehen; dieses Lächeln und Leuchten in den Augen. So können sie für einen Moment alles vergessen und sich einfach nur geliebt fühlen.“  

Heute strickt Sofia leidenschaftlich gerne und spendet ihre Meisterwerke für gemeinnützige Zwecke,
u.a. an "Weihnachten im Schuhkarton".


Sofia ist eine starke Frau, die selbst schon harte Zeiten mit vielen Entbehrungen durchgemacht hat. Sie war selbst in der Situation eines notleidenden Kindes und hat erfahren, welchen Unterschied ein einfacher Karton machen kann. Heute ist sie ein lebender Beweis für die Notwendigkeit und Wirksamkeit von Aktionen wie „Weihnachten im Schuhkarton“.

Liebe Sofia, wir sagen „Danke“ für deinen Mut und deine Offenheit, diese Geschichte mit uns zu teilen und wir sagen „Danke“ für deine Hingabe und deinen Glauben in unsere Aktion.

Ihr habt selbst auch so eine Geschichte zu erzählen? Dann schreibt uns an, z.B. über Facebook in Deutschland: https://www.facebook.com/WeihnachtenimSchuhkarton und in Österreich: https://www.facebook.com/Weihnachten.im.Schuhkarton.Oesterreich - Wir freuen uns auf eure Geschichten!


Welcome Refugees!

Autorin: Jenifer Girke

Wir haben am 09. September einen Post auf Facebook über die aktuelle Flüchtlingsdebatte veröffentlicht. Ehrlich gesagt, waren wir echt gespannt, wie unsere Fans darauf reagieren, denn bei dem Thema gehen die Meinungen extrem weit auseinander. Aber euer Feedback hat uns total überrascht – im positiven Sinne! Ihr habt den Post nicht nur gelikt und geteilt, sondern auch eure Kommentare waren ein wunderbares Feedback, in denen wir lesen konnten, dass ihr unsere Sichtweise wirklich versteht und uns unterstützt. VIELEN DANK, macht weiter so!


Unsere Facebook-Fans sind super - ob in Deutschland ...









Und unsere Sammelstellen sind natürlich auch super!

Natürlich sind wir auch mit unseren Sammelstellen in ständigem Austausch über die aktuelle Flüchtlingssituation und haben ihnen ebenfalls unseren Standpunkt erläutert. Auch da haben wir großen Zuspruch erfahren und nebenbei einzigartige Geschichten gehört, wie unsere Ehrenamtlichen auf ganz unterschiedliche Weise Flüchtlinge in ihre Tätigkeiten für „Weihnachten im Schuhkarton“ miteinbeziehen. Eine Sammelstelle im Nordwesten des Sauerlandes hat nicht nur ihr 15-jähriges Bestehen vor kurzem gefeiert (auch darüber haben wir auf Facebook berichtet, sondern erzählte uns zudem, dass Flüchtlinge zu ihnen kommen, weil sie „Weihnachten im Schuhkarton“ von ihrem Heimatland kennen, z.B. aus Serbien, Albanien oder dem Kosovo. Einige haben auch schon ein Päckchen erhalten, andere wünschten sich immer eins. Sammelstellen-Leiterin Esther Wiltzer berichtet: „Das einzige, was die Flüchtlinge haben, ist viel Zeit. Deswegen helfen sie uns gerne bei dem Durchsehen und dem Verpacken der Schuhkartons.“ Die Sammelstelle wirbt mit Plakaten für Spenden aller Art: Alles, was in die Schuhkartons darf, wird für „Weihnachten im Schuhkarton“ verwendet und alle andere Spenden gehen an Flüchtlingsheime. So kann die Sammelstelle sichergehen, dass die Päckchen nur mit Dingen gefüllt sind, die den Zollbestimmungen entsprechen und gleichzeitig kann sie vielen Flüchtlingen in ihrem Umkreis mit wichtigen Hilfsgütern ihren Start in Deutschland erleichtern. Ganz nebenbei werden erste gesellschaftliche Kontakte geknüpft; dadurch fühlen sich die Flüchtlinge angenommen und erfahren etwas für sie sehr Wertvolles: Ein Hauch von Normalität nach einer grausamen, oft monatelangen Flucht.

Zwei Jungs in Bulgarien mit ihrem Schuhkarton. Neid gibt es nicht, nur gegenseitige Freude und Freunden!

Unsere österreichische Kollegin Silke spürt tagtäglich die jüngsten Auswirkungen der Flüchtlingskrise. Staus in den grenznahen Gebieten zu Deutschland und Ungarn, überfüllte Bahnhöfe und Notzelte des Roten Kreuzes in vielen österreichischen Städten. Täglich strömen tausende Menschen durch Österreich vom Osten in den Westen und machen über Nacht Station in diversen Flüchtlingsunterkünften: „Ich bin in Wels zu Hause. Derzeit sind zwei Hallen im Welser Messegelände für die Flüchtlinge umfunktioniert worden. Hunderte Feldbetten mit Decken wurden aufgestellt, um den Durchreisenden ein Nachtlager zu bieten. Auch mit Essen und Kleidung werden sie hier vor ihrer Weiterreise versorgt. Als Sammelstelle von „Weihnachten im Schuhkarton“ sieht unser diesjähriger Plan vor, dass wir jene Dinge, die wir aus zollrechtlichen Gründen aus den Schuhkartons nehmen müssen (z.B. gelatinehaltige Lebensmittel, Süßigkeiten mit zu kurzer Haltbarkeit, getragene Kleidung, gebrauchtes Spielzeug, ...) in separate Geschenkkartons verpacken und an die hiesigen Flüchtlingskinder geben werden. Die werden sich bestimmt sehr freuen! Für mich ist es besonders schön zu sehen, dass wir so auch in der Flüchtlingskrise einen Beitrag leisten können." 

 „Weihnachten im Schuhkarton“ verbindet – ob in Osteuropa, Deutschland oder Österreich, durch Päckchen, Menschen und ihre Nächstenliebe. Wir finden das großartig und möchten uns ganz herzlich bei euch bedanken!



Freitag, 11. September 2015

Flucht überfordert

Autorin: Jenifer Girke

Die Flüchtlingsdebatte ist laut – viele Stimmen rufen querbeet, was wo jetzt sofort getan werden muss. Die deutsche und österreichische Hilfsbereitschaft sprudelt, aber diese Hilfe zu koordinieren, ist alles andere als einfach. Immer wieder kommt es zu rassistisch motivierten Übergriffen auf Flüchtlingsheime. Neo-Nazis sehen in dem Flüchtlingsstrom zu oft eine geeignete Angriffsfläche und erschweren die Aufnahme der Geflüchteten. Und die Politik? Sie steht vor einer großen Herausforderung, bei der sie um Einigkeit ringt. Die Innenpolitik ist mit überfüllten Bahnhöfen konfrontiert, Merkel wurde fast über Nacht zur „Mutti für alle“ und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker verlangt die Verteilung von insgesamt 160.000 Flüchtlingen sowie einen „permanenten Notfall-Mechanismus“ für zukünftige Flüchtlingskrisen.

Doch wo steht Geschenke der Hoffnung in dem ganzen Geschehen? Noch viel wichtiger: Was können wir tun? Bevor man aus lauter Hyperaktivismus zu schnelle Schritte geht, hilft es, sich einige Fakten bewusst zu machen: „Weihnachten im Schuhkarton“ verteilt Päckchen an notleidende Kinder in Osteuropa. Fast alle Flüchtlinge wählen den Weg der sogenannten „Balkanroute“, die ebenfalls durch Osteuropa führt. Schon geografisch gesehen sind Deutschland und Österreich also mittendrin. Zum Glück, denn genau da – mittendrin – braucht es Unterstützung, nicht nur für die Flüchtlinge.


Die berüchtigte Balkanroute: Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan strömen in Richtung Europa ebenso wie zahlreiche Flüchtlinge aus Serbien und anderen Balkanstaaten. Viele wollen nach Österreich und Deutschland, einige versuchen in Richtung Skandinavien oder Großbritannien weiterzuziehen. Auch in Rumänien, Bulgarien oder in der Slowakei kommt ein Teil des Flüchtlingsstromes an, selbst wenn die meisten nicht dort bleiben wollen.


Rumänien und Bulgarien sind überfordert

Die Balkanroute verläuft von der Türkei über die griechische Insel Kos, vom griechischen Festland weiter nach Mazedonien, Serbien, Ungarn und von dort aus in den Schengenraum der EU, in dem man ohne weitere Kontrollen seine Reise fortsetzen darf (theoretisch). Bulgarien und Rumänien sind Nachbarstaaten von Serbien und Ungarn, den Brennpunkten auf der Balkanroute, und gehören seit 2007 zur Europäischen Union. Sie sind die ärmsten Länder in der EU und sehen sich mit vielen gesellschaftlichen Problemen konfrontiert. Die strukturell und wirtschaftlich schwache Verfassung macht es ihnen politisch unmöglich, einen derartigen Flüchtlingsstrom zu stemmen, wie wir ihn gerade erleben.  Schon wohlhabende Länder wie Deutschland oder Österreich sehen in der Flüchtlingsbewältigung eine enorme Herausforderung. Wie groß ist diese dann wohl für Länder wie Bulgarien und Rumänien? Mit steigender Flüchtlingszahl schrumpfen die Möglichkeiten, den eigenen Leuten in notleidenden Situationen zu helfen. Deswegen sind Päckchen für die benachteiligten Kinder dort enorm wichtig!

Bulgarien - das schwächste EU-Land kämpft mit seiner Armut. Und die Bevölkerung mit ihrem Leid. Gründe zu fliehen gibt es auch hier genug, doch jedes Päckchen kann ein Grund werden zu bleiben. 


Roma – eine diskriminierte Minderheit unter Flüchtlingen

Ein Drittel der Flüchtlinge aus dem West-Balkan sind Roma. 91 Prozent der Roma-Flüchtlinge stammen aus Serbien. Wie schwer es diese Minderheit in ihrem Umfeld hat, zeigt auch die Slowakei, in der Schätzungen zufolge 300.000 bis 500.000 Roma leben. Die Diskriminierung der Roma in der Slowakei geht sogar so weit, dass nach Ansicht der Regierung der Slowakei der hohe Anteil von Roma in den Sonderschulen des Landes an der weiteren Verbreitung von Inzucht in ihren Familien liegt, wodurch es zu Entwicklungsstörungen käme.

Allein diese Einstellung zeigt: Auch in der Slowakei ist noch viel zu wenig von dem „Europäischen Geist“ zu spüren. Die Minderheit der Roma wird nach wie vor diskriminiert und von der eigenen Regierung abgestoßen. Das kann in dem Moment noch extremer werden, wenn weitere Roma-Flüchtlinge z.B. aus Serbien in das Land kommen. Daher sind nicht-politische, von außen kommende  Maßnahmen wie durch „Weihnachten im Schuhkarton“ extrem wichtig, um den Roma Wertschätzung zu vermitteln. So können Wege aufgezeigt werden, mit Roma umzugehen und sie besser zu integrieren.

Kinder aus einer Romasiedlung in der Slowakei. In ihrem Alltag werden sie oft aus der Gesellschaft ausgestoßen. Dass jemand von ihnen ein Foto machen möchte, ist fast so ungewohnt, wie ein eigenes Geschenk zu Weihnachten.


Ein Päckchen kommt, um zu bleiben

Österreich zeigt mit 71,1 Prozent einer der höchsten Beschäftigungsquoten in der EU. Der Exportwert der deutschen Unternehmen stieg im März 2015 auf den höchsten jemals gemessenen Wert von 107,5 Milliarden Euro. Länder Kurzum: Uns geht es gut. Im Vergleich zu Bulgarien oder Rumänien haben wir mehr finanzielle Mittel, die uns dabei helfen, Tausende von Flüchtlingen nicht nur aufzunehmen, sondern auch mit dem Nötigsten zu versorgen und in immer mehr Fällen sogar erfolgreich in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hier mangelt es eher an genügend Unterkünften und in bestimmten Teilen der Länder nach wie vor an freundlichen Gesichtern, die „Welcome Refugees!“ rufen. Doch das passt leider in keinen Schuhkarton.

Diese wirtschaftliche Stärke, die die Basis unserer Hilfsbereitschaft darstellt, genießen unsere Empfängerländer nicht. Erst, wenn die Menschen in der Gesellschaft versorgt werden, sind diese auch bereit, andere zu versorgen. Also „versorgt“ sie weiterhin mit euren Päckchen, bringt die Kinder dieser benachteiligten Länder zum Strahlen, vermittelt ihnen Werte wie Hoffnung, Glaube und Liebe selbst in einer Zeit, in der immer mehr Menschen aus ihren eigenen Ländern vertrieben werden. Setze mit „Weihnachten im Schuhkarton“ ein Zeichen gegen Flucht, gegen Ausweglosigkeit, gegen Verzweiflung und gegen Ausgrenzung! In den Ländern, in denen kein Krieg herrscht und die Menschen oft aus wirtschaftlichen Gründen wie extremer Armut und Perspektivlosigkeit flüchten, können ganz simple Gesten wie ein liebevoll gepackter Schuhkarton zu Weihnachten einen entscheidenden Unterschied machen, hoffentlich bis hin zu der Entscheidung: „Ich habe Hoffnung. Ich möchte bleiben.“