Freitag, 23. Oktober 2015

Was bringt das alles?

Autorin: Jenifer Girke


Immer wieder werden wir gefragt: Was bringt diese Aktion eigentlich? 



Schuhkartons packen kann jeder – es ist einfach und wirkungsvoll. Doch das heißt nicht, dass man damit keine Arbeit hat:

Du zerbrichst dir den Kopf darüber, was ein Kind, das du noch nie gesehen hast und von dem du weder das genaue Alter noch die Vorlieben kennst, sich zu Weihnachten wünscht.

Du durchsuchst Regale nach der lilasten Zahnpasta, dem flauschigsten Kuschelbären, den coolsten Legofiguren, der leckersten Schokolade und den schönsten Stiften.

Du bemühst dich, all diese Dinge korrekt verpackt so platzsparend wie möglich in einen Schuhkarton zu packen und hoffst, alles richtig gemacht zu haben.

Du suchst verzweifelt nach einem nahen Abgabeort und nimmst den Weg auf dich, um dein Päckchen fristgerecht bis zum 15. November abzugeben.

Und dann? Du weißt nicht, an welchem Tag das Päckchen ankommt, du weißt nicht einmal, wohin es genau geht und zuschauen, wie es ausgepackt wird, kannst du auch nicht.

Das hört sich ja schon alles etwas fragwürdig an... Optimismus verbreitet an dieser Stelle eine Frau, die diese Aktion besser kennt als die meisten unserer Mitarbeiter zusammen: „Ich würde nichts von dieser Aktion halten, wenn wir einfach hinkommen und sagen ‚Hier habt ihr mal‘ und dann wieder gehen.“ Diana Molnár, Projektleiterin von „Weihnachten im Schuhkarton“ ist schon seit 15 Jahren dabei und hat genug gesehen, um eines über den Schuhkarton sicher sagen zu können: „kleine Kiste, große Wirkung“. Aber lest selbst...


Krieg zerstört Familien

„Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Das, was John F. Kennedy da beschreibt, hat Alex Nsengimana schon selbst in seinem Leben erlebt. Als er fünf Jahre alt war, bricht in Ruanda der Bürgerkrieg aus. Die Szenen, die sich in Alex Dorf abspielten, glichen einem Schlachtfeld. Als Bürgersoldaten, die zuvor noch „freundliche Nachbarn“ waren, in das Haus seiner Familie stürmten, schickten sie die Kinder weg: „Dann haben wir durch das Fenster zugesehen, wie sie unsere Großmutter gefoltert haben, bis sie tot war.“

Im Kigali Genozid Memorial Center sieht Alex all die Namen und Fotos der Menschen,
die 1994 im Zuge des furchtbaren Völkermords in Ruanda ermordet wurden.

 Das Leben von Alex und seinem Bruder war auf einen (Bomben-)Schlag zerstört. Zuerst kümmerte sich ihre Tante um die Jungs, doch auch sie starb kurze Zeit später und brachte ihre Neffen kurz vor ihrem Tod in ein Kinderheim.


Hoffnung zum Greifen nahe

Alex war verzweifelt. Er war wütend. Traumatisiert. Überfordert mit seiner Gegenwart. Erschüttert von der Vergangenheit. Ängstlich vor der Zukunft. Doch dann kam „Operation Christmas Child“ zu dem Waisenhaus, der internationale Ableger von „Weihnachten im Schuhkarton“ und verteilte Päckchen. Genau solche Päckchen, wie ihr sie jedes Jahr packt: „Wir bekamen etwas, das nur uns gehörte, mit dem wir spielen konnten und das uns davon ablenkte, was im Krieg passiert war.“

Habt ihr das gelesen? Ein Schuhkarton, der einem traumatisierten Kind hilft, den Krieg zu verarbeiten. Kaum zu glauben, oder? Aber es geht noch weiter...


Nachdem Alex seine Großmutter, seinen Onkel
und seine Tante verloren hatte, lebte er im Waisenhaus.



Alex glaubte und es geschah

Der Schuhkarton war mehr als eine Ablenkung: „Dieser Schuhkarton war der Beginn meines Glaubens. Ich habe angefangen zu verstehen, dass uns die Welt nicht vergessen hat.“ Es gab nicht viel, wofür Alex je in seinem Leben gebetet hätte, aber mit diesem Schuhkarton wurde eine Hoffnung in ihm laut, die ihn an einem einzigen Wunsch festhalten ließ: raus aus Ruanda. Für ein neues, friedliches Leben.

Einige Jahre später wurde Alex von einer amerikanischen Familie in Minnesota adoptiert. Nun hat er eine fürsorgliche Mutter, ein zu Hause, warme Kleidung und ein eigenes Zimmer. Sein sehnlichster Wunsch wurde ihm erfüllt. Fast.

Während der Chorreise durch die USA im Jahr 1999 verbrachten Alex (2.v.l.) und sein Freund Alphonse drei Tage bei einer Familie in Minnesota. Vier Jahre später übernahm diese Familie die Kosten der Ausbildung der Jungs und holte sie nach Amerika.



Frieden durch Vergebung

Um wirklich Frieden mit seinem Leben zu schließen, musste Alex Frieden mit den Menschen schließen, die dieses Leben zerstören wollten. Und das führte ihn direkt in das Nyarugenge Gefängnis in Ruanda.

Alex traf den Mörder seiner Familie, er saß ihm direkt gegenüber und sah in Augen, die ihn vor Jahren hasserfüllt angestarrt hatten. Er fasste eine Hand an, die seinen Onkel gefoltert und zu Tode geprügelt hat. Er sprach in das Gesicht, das den letzten Atemzug seiner Großmutter hörte. Doch das, was Alex im Sinn hatte, hatte nichts mit Vergeltung zu tun. Er hegte keine Rachegedanken. Er wollte nur eines sagen: Ich habe Dir vergeben!

Alex traf den Mörder seiner Familie im Nyarugenge Gefängnis in Ruanda,
um ihm zu sagen, dass ihm vergeben ist.


Die Botschaft ist dieselbe

Die Geschichte von Alex ist etwas ganz Besonderes und uns ist bewusst, dass nicht jedes Kind durch einen Schuhkarton ein neues Bilderbuch-Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhält. Dennoch: Wir sehen es als ein großes Privileg, dass wir Zeugen dafür werden dürfen, wie eure Päckchen eine Reihe an Geschehnissen anstoßen, die tatsächlich Leben zum Positiven verändern.

Die Päckchen, die hier im deutschsprachigen Raum gepackt werden, erreichen Kinder in Osteuropa, die unter erbärmlichen Verhältnissen leben. Nicht nur Krieg zerstört Leben – Armut, Gewalt, Verlassensein und Hoffnungslosigkeit haben eine starke Sogwirkung und können die Psyche eines Menschen bis in Depressionen und Selbstmordgedanken treiben. Wie stark leiden wohl Kinder darunter, wenn ihre Eltern keinen Sinn mehr im Leben sehen?

Genau in diese Mutlosigkeit tritt „Weihnachten im Schuhkarton“. Durch die Verteilungen lernen die Kinder eine neue Umgebung kennen. Es werden Beziehungen zu Schulen, Organisationen und Kirchengemeinden aufgebaut, Freundschaften und soziale Kontakte entstehen und Kinder erhalten  eine Möglichkeit, aus ihrem tristen Alltag auszubrechen.

Alex kehrte zu seinem damaligen Waisenhaus zurück und verteilte selbst Schuhkartons.

Jeder Schuhkarton ist verschieden, doch trotzdem tragen alle dieselbe Botschaft in sich. Ob das Kind in Rumänien, der Mongolei oder in Ruanda lebt – sie alle werden etwas erkennen, was auch Alex erkannte: „Es zeigte mir, dass jemand da draußen an uns gedacht hat und sich um uns sorgt.“


Es geht nicht um uns

Schaut euch doch nochmal den Anfang diesen Textes an: Da steht ganz schön oft „Du“. Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr um dich bzw. um uns. Die Bedeutung von „Weihnachten im Schuhkarton“ versteht man erst dann, wenn man weniger auf sich selbst achtet und mehr darauf, was bei den Kindern passiert. Wir können euch zwar nicht sagen, wie das Kind heißt, das euren Schuhkarton erhält und wir wissen auch nicht, ob lila wirklich seine Lieblingsfarbe ist. Aber wir können euch sagen: Das ist gar nicht so wichtig. Und: Wir erleben immer wieder, dass einSchuhkarton genau die Herzenswünsche eines Kindes erfüllt.

Viel wichtiger ist, dass ihr überhaupt packt. Denn so wird ein zu Weihnachten Kind erfahren, dass es nicht alleine ist, dass es wertvoll ist. Und sollte nicht jedes Kind genau das erfahren dürfen: Liebe?

Heute ist Alex glücklich. Ohne den Schuhkarton wäre er es vielleicht nicht.


Schau dir Alex Geschichte als Video an:





Na, juckt es euch auch schon in den Fingern? Hier geht es zum Schuhkarton-Packen: https://www.geschenke-der-hoffnung.org/mitmachen/weihnachten-im-schuhkarton/einen-schuhkarton-packen/

PS: Auch in diesem Jahr werden viele Schuhkartons in akute Krisenregionen gehen, z. B. in die von kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelte Ukraine. Unser Ziel: Rund 140.000 Weihnachtsgeschenke für Kinder in der Ukraine!



Freitag, 16. Oktober 2015

Im Krieg Schuhkartons verteilen: Nicht einfach, aber möglich!

Autorin: Jenifer Girke

Seit zwei Wochen läuft die 20. Saison von „Weihnachten im Schuhkarton“. Jeder von euch hat eine andere Motivation, warum er oder sie mitmacht – Kindern eine Freude zu bereiten, ist sicher eine davon. Es ist nur schwer vorzustellen, unter welch bedrückenden Umständen Kinder in unseren Empfängerländer ihren Alltag bestreiten – Verzweiflung, Armut und Hoffnungslosigkeit, die wir in Deutschland oder Österreich nicht kennen. In den palästinensischen Gebieten wurden sogar Päckchen verteilt, als Krieg herrschte. Genauer gesagt, die Zweite Intifada im Jahr 2000, die als gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen Israel in die Geschichte einging. Vor fast genau 15 Jahren, am 01. Oktober 2000, erschoss die israelische Polizei im Norden Israels 13 muslimische unbewaffnete Demonstranten, darunter zwölf Israelis. Auch Johnny Shahwan war zu dieser Zeit in Israel. Er hat aber nicht gekämpft. Er hat verteilt, und zwar eure Päckchen.

Johnny mit seiner Frau Marlene:
Auch heute leben sie noch in Bethlehem und ermutigen die Menschen, nicht aufzugeben.


„Im Krieg baut man kein Haus“

Johnny Shahwan ist in der Provinz Bethlehem geboren und hat dort das Gymnasium besucht, auf dem er fließend Deutsch lernte. Nach seinem Abitur bestritt er für sechs Jahre seinen Lebensunterhalt als Schmuckverkäufer, bis er eine Reise nach Kanada antrat, die sein Leben veränderte. Dort entdeckte er für sich den christlichen Glauben und machte auf dem Rückweg einen Abstecher nach Deutschland, wo er auf einer bekannten christlichen Veranstaltung, der Allianzgebetswoche, seine heutige Frau kennenlernte. Es folgten ruhige Jahre in Sicherheit, Johnny wandte sich von dem aufständischen Israel ab und kehrte mit seiner Auswanderung nach Deutschland in ein Land ein, das ihm wirtschaftliche Sicherheit und zufriedenstellende Lebensumstände bot. Doch das war ihm nicht genug. Auch, wenn sein Schutzbedürfnis gestillt war, sein Herz wollte mehr – mehr helfen, mehr schenken, mehr bewirken. Im Jahr 1992 entschlossen sich Johnny und seine Frau dazu, aus ihrer religiösen Motivation heraus zurück nach Bethlehem zu kehren, um soziale Arbeit zu leisten. Als sie in Johnnys Heimat ankamen, ging gerade die Erste Intifada zu Ende, die Bevölkerung hatte also bereits sechs Jahre Krieg durchleben müssen: „Die Menschen waren am Ende ihrer Kräfte und viele fragten mich: ‚Warum in aller Welt bist du zurückgekommen? Du warst sicher in Deutschland und jetzt bist du freiwillig wieder hier?‘  Das konnten die Leute nicht verstehen.“ 

Familie Shawan im Juli 1992 - in demselben Jahr entschieden sie sich dazu, 
trotz Kriegszustände zurück nach Israel zu gehen.


Genau diesen Menschen hat Johnny von seinem Glauben erzählt, er wollte in die Trauer und Verzweiflung dieser Menschen hineintreten und ihnen eine neue Perspektive aufzeigen. In ihrem kleinen Wohnzimmer bot er mit seiner Frau einen Hausbibelkreis an, später eine Kinderstunde und es kamen immer mehr Menschen hinzu. 1996 mietete das Ehepaar ein paar Räume an und eröffnete eine christliche Teestube. Kurze Zeit später errichteten sie ein ganzes Zentrum und bauten ein neues Haus: „Links wurde gebombt, rechts bauten wir ein Haus. ‚Im Krieg baut man doch nicht‘, sagte ein Freund von mir“ – Doch Johnny wollte bauen, er wollte Hoffnung aufbauen, obwohl es anscheinend keinen Grund zur Hoffnung mehr gab; er wollte Schutz schenken, obwohl jeder um sein Leben bangte und er wollte unbeschwertes Kinderlachen retten, obwohl unzählige Mädchen und Jungen dem Krieg und dessen Grausamkeiten hilflos ausgeliefert waren.

2003 befand sich das Zentrum Beit al Liqa mitten im Bau und die Stadt mitten im Krieg.

Zuerst kamen die Bomben, dann kamen die Schuhkartons

Der Leiter der Bibelschule in Bethlehem erhielt bereits seit 1996 Päckchen von „Weihnachten im Schuhkarton“ und fragte Johnny, ob er ihm bei der Verteilung helfen würde. Natürlich wollte er, aber nicht nur das: Im Oktober 2000 fing Johnny wieder an zu bauen, doch dieses Mal kein Haus, sondern einen Spielplatz. Kurz bevor die Zweite Intifada ausbrach, errichtete Johnny den ersten öffentlichen Spielplatz in Bethlehem: „Nach nur drei Monaten war der Rasen schon ganz kaputt, weil jedes Kind dorthin kam, um zu spielen.“ Als die Bomben wieder einschlugen, blieb der Spielplatz leer.
Fast leer: Es war zwar nicht ganz einfach, die Schuhkartons im Krieg zu verteilen, da es immer wieder Ausgangssperren gab, wenn die Bomben fielen. Aber jedes Mal, wenn diese Ausgangssperren kurz aufgehoben wurden, trommelten Johnny und sein Team ein paar Kinder auf dem Spielplatz zusammen, verteilten Päckchen und brachten die Jungs und Mädchen schnell wieder zurück, bevor die nächste Welle losging. Johnny besuchte auch viele Familien zu Hause oder dort, was von ihrem zu Hause übrig geblieben war. Er traf Familien ohne Strom und Wasser, weil die Leitungen zerstört waren; er sah Kinder, die angsterfüllt unter dem Bett kauerten; er brachte verängstigte Familien in sichere Schutzbunker, wenn die Bomben wieder einschlugen und tröstete Zurückgebliebene, die ihre Angehörigen in den Trümmern verloren hatten: „Raketen schlugen – Kinder schrien, Frauen schrien, Männer schrien“, erzählt Johnny mit glasigen Augen, als hätte er erst gestern vor diesen Trümmern gestanden. 

Kinder, die unbeschwert im Garten von Johnnys Zentrum herumtrollen und spielen -
in Bethlehem ist das keine Selbstverständlich nicht. Damals nicht und heute nicht.

 „Ob im Krieg oder im Wohlstand: Ein Kind hat Freude an einem Geschenk.“ Daran hat Johnny nicht nur geglaubt, sondern das hat er jedes Mal in den Augen der Kinder gesehen, wenn er einen Schuhkarton überreicht hat. "Kriegskinder" kennen nur Panzer, Waffen und Raketen, doch mit den Schuhkartons sollten sie mehr kennenlernen: schöne und friedliche Dinge, die ihnen erlauben, Kind zu sein und ihr Kindsein zu genießen. „Es war für mich eine großartige Sache zu sehen, dass ich mit diesen kleinen Geschenken den Kindern eine Freude machen durfte“, berichtet der mutige Friedensvermittler.

Was geschah nach dem Krieg?

Auch heute hat Johnny jeden Tag Kontakt zu den Jugendlichen und Heranwachsenden, denen er früher mitten im Krieg einen Schuhkarton übergeben hat, als sie noch kleine Jungs und Mädchen waren. Sie sind froh, am Leben zu sein, doch verzweifelt sind sie dennoch: „Diese jungen Erwachsene fragen mich immer wieder: ‚Johnny, wieso sollen wir denn hier bleiben? Auf was sollen wir warten?‘ Viele Menschen sehen kaum noch eine Zukunft für sich in diesem Land. Die meisten wandern aus, viele studieren sogar in Deutschland. Es ist traurig, dass in Jesu Heimat, in der früher 100 Prozent Christen lebten, heute nur noch unter ein Prozent Christen sind.“ Je mehr Verzweiflung Johnny hört, desto stärker ist sein Ruf, in dieser Region zu bleiben und das, was der Krieg in den Herzen der Menschen kaputt gemacht hat, wieder herzustellen: Hoffnung, Frieden und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Jeder Schuhkarton ist ein Zeichen, dass doch an diese Menschen gedacht wird und sie nicht vergessen sind. Wenn sie sehen, wie Kinder ihre liebevoll gepackten Geschenke bestaunen, fühlen sie, dass es da draußen eine Welt gibt, die zu ihnen spricht, die sie dort abholt, wo sie sind, in ihrem Land, in ihrer Heimat, in den palästinensischen Gebieten, in Bethlehem.

Johnny bietet Jungs und Mädchen sogar Sommercamps an - hier können sie den schweren Alltag vergessen und einfach nur das sein, was sie sind, aber oft nicht sein dürfen: Kinder.


„Weihnachten im Schuhkarton“ macht keine Unterschiede

Schuhkartons machen keinen Unterschied in der Religion, auch in Johnnys Zentrum wird kein Unterschied gemacht: „Wir sind ja nicht nur für die christliche Bevölkerung offen, sondern für jeden Menschen. Zu uns kommen auch viele Muslime und Kinder aus allen Gesellschaftsschichten.“  Johnny lernt muslimische Kinder kennen, die mit Angst und Schrecken zusehen müssen, wie ihr Glaube radikalisiert und missbraucht wird. Er lernt auch christliche Kinder und Familien kennen, die sich oft vergessen in ihrem Land fühlen, einen Weg suchen, ihren Glauben weiterhin frei ausleben zu können und zu oft unterdrückt und verurteilt werden.
Egal, welcher Religion man angehört: Jede Familie und jedes Kind sehnt sich nach einem friedlichen Leben. Ein Kind – egal, ob es abends in der Bibel liest oder morgens seine Burka anzieht – möchte Freude empfinden, ein Geschenk erhalten, einen Teddybären zum Kuscheln haben, seiner Mama stolz zurufen „Guck mal, Mama, was ich bekommen habe!“ und unbeschwert sein Leben genießen, ohne Angst zu haben, von Missbrauch, Gewalt oder Religionshass überwältigt zu werden.

So sieht das Zentrum heute aus. Der Name ist Programm: Beit al Liqa bedeutet nämlich "Haus der Begegnung".


Und was macht Johnny?

Das Zentrum, das Johnny aufgebaut hat, gibt es heute noch; es steht in der Stadt Beit Jala, in unmittelbarer Nähe zu Bethlehem und heißt Beit Al Liqa, was übersetzt „Haus der Begegnung“ bedeutet. Genau das tut es auch: Kinder begegnen anderen Kindern und finden Freundschaft; Familien begegnen anderen Familien und finden Gemeinsamkeit; Verzweiflung begegnet Hoffnung und bringt Zuversicht.  Es ist in fast 20 Jahren zu einem vertrauten Ort der Zuflucht und der Geborgenheit geworden. Unser Verein Geschenke der Hoffnung, der im deutschsprachigen Raum für „Weihnachten im Schuhkarton“ verantwortlich ist, unterstützt das Beit Al Liqa ebenfalls als Projekt. Wenn ihr mitmachen möchtet, informiert euch, welchen Beitrag ihr leisten könnt: http://bit.ly/schuhkartonpacken 

Alle Mitarbeiter von Beit Al Liqa im September 2015


Johnny setzt sich nach wie vor jeden Tag inner- und außerhalb des Zentrums dafür ein, dass Menschen Trost, Unterstützung und eine neue Perspektive finden. Gerade in diesen Wochen sind die Nachrichten voll von Berichten über Anschläge und Terrorattacken von Palästinensern auf die israelische Bevölkerung. Stimmen im Land sowie einige Medien reden sogar von einer Dritten Intifada. Wir wünschen Johnny, seiner Familie und seinen Mitarbeitern genügend Kraft, um auch diese schweren Zeiten zu überstehen und den Menschen weiterhin ein so reicher Segen zu sein.



Freitag, 9. Oktober 2015

„Wir können nicht die Welt retten, aber wir können diesen einen Moment schaffen“

Autorin: Jenifer Girke

Wie passt Magersucht und „Weihnachten im Schuhkarton“ zusammen? Eigentlich gar nicht. Bis gestern, denn da fand unsere Pressekonferenz zur Kampagne „Promis packen Päckchen“ statt, und zwar mit der erfolgreichen Sängerin Déborah Rosenkranz.


Die Lebensfreude ist Déborah Rosenkranz ins Gesicht geschrieben. Doch das war nicht immer so.

Eine ganz normale Pressekonferenz?

Zuerst schien es eine ganz normale Pressekonferenz zu werden: Ein paar Journalisten waren anwesend und saßen auf der einen Seite, zwei Vertreter von „Weihnachten im Schuhkarton“ waren anwesend und saßen auf der anderen Seite, die Deutsche Presse-Agentur (dpa) knipste fleißig und die Moderatorin der Berliner Pressekonferenz Heide Kurth ergriff das Wort zur Begrüßung.

Zunächst gab es eine kleine Einführung von Projektleiterin Diana Molnár in den Ablauf der Verteilungen in den Empfängerländern, wobei sie betonte, dass es bei „Weihnachten im Schuhkarton“ besonders um die Beziehungen geht, die diese Päckchen ermöglichen. Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, Tobias-Benjamin Ottmar, stellte die Promi-Kampagne vor und verriet schon im Vorfeld einige der prominenten Teilnehmer, z.B. die ehemalige Miss Germany und TV-Moderatorin Katrin Wrobel, der erfolgreiche Violinist André Rieu, der deutsche Schauspieler Joseph Hannesschläger oder auch der österreichische Außenminister Sebastian Kurz. Außerdem wurde eine Videobotschaft von Schauspieler Samuel Koch gezeigt, der seit seinem Unfall bei „Wetten, dass…“ im Dezember 2010 querschnittsgelähmt ist und ebenfalls bei „Weihnachten im Schuhkarton“ mitpackt: „Weihnachten ist mit dem Osterfest das Zentrum meines Glaubens. Nach dem Unfall, den ich hatte und der mir diesen Rollstuhl eingebrockt hat, weiß ich nicht, ob ich das sonst geschafft hätte.“ 

Déborah Rosenkranz singt auf den ganz großen Bühnen - mit Glauben, Liebe und sprühender Lebensfreude.


Hungertod statt Lebensfreude

Doch das war nur der Anfang rührender Lebensgeschichten. Ein Star der Kampagne war auf der Pressekonferenz auch persönlich vertreten: die christliche Musikerin Déborah Rosenkranz. Ihre spontane, lebensfrohe Art steckte selbst müde Fotografen an und wirkt wie ein freudestrahlender Lobpreis über das Leben. Über ihr Leben. Ein Leben, das sie fast verloren hätte. Sehr eindrücklich schilderte Deborah, wie sie mit 16 Jahren der Magersucht verfiel, als ihr damaliger Schwarm nach dem Sporttraining zu ihr sagte: „Ich weiß ja gar nicht, wie du mit so viel Fett so schnell rennen kannst.“  Dieser eine Satz hat gereicht. Déborah nahm rasant 30 Kilogramm ab – sie hungerte für mehr Anerkennung, für mehr Liebe und um einem aufgezwungenen Schönheitsideal zu entsprechen. Je weniger sie wog, desto weniger war sie das fröhliche Mädchen von damals, desto weniger Energie hatte sie für das Leben, desto weniger Freude hatte sie am Leben, bis dieses Leben fast ganz weggehungert war: „Ich hörte, wie mein Arzt zu meiner Mutter sagte: „Aus medizinischer Sicht können wir nichts mehr für Ihre Tochter tun. Sie wird bald sterben.“ In letzter Sekunde entschied sich die Kämpferin dazu umzukehren: Sie gab die Selbstzerstörung auf, ließ den Spiegel als Folterinstrument los und befreite sich von Kalorienangaben. Es begann ein mühseliger Weg, auf dem Déborah ihren Körper Schritt für Schritt wieder in Richtung Gesundheit brachte. Sie brauchte keine fünf Lagen Pullover mehr, um ihren knochigen Körper vor Erfrierungen zu schützen und auch ihre Haare wuchsen wieder nach, die sie durch die Unterernährung verloren hatte. Doch da gab es noch etwas, was stetig in ihr wuchs: ihr Glaube zu Gott. Ohne diesen Glauben und ohne den Beistand ihrer Familie hätte sie den Kampf zurück ins Leben nicht geschafft. Umso wichtiger ist ihr dieser Grundpfeiler auch heute: „Für mich ist Glaube das Wertvollste, was ich habe.“

Live-Performance auf der Pressekonferenz: Déborah singt von ganzem Herzen und mit vollem Glauben

Schulhefte zum Reinkritzeln

Heute ist Déborah eine attraktive Frau und eine leidenschaftliche Sängerin; alles, was sie singt, meint sie auch so. Mit ihrem Song „Beautiful, Wonderful, Powerful“, den sie live auf der Pressekonferenz aufführte, triumphiert sie über die Kostbarkeit des Lebens, über die Bedeutung, sich selbst zu lieben und die eigene Schönheit von innen und außen zu spüren. Ihre neu gewonnene Kraft setzt Déborah am liebsten für andere Menschen ein und engagiert sich in zahlreichen sozialen Projekten. Als Mitinitiatorin und Botschafterin hat sie das Projekt „Power2Be“ ermöglicht, eine therapeutische Wohngruppe in der Schweiz für junge Frauen, die an Essstörungen leiden. Sie hat zu vielen der Frauen einen engen Kontakt und nennt sie liebevoll ihre „Schwestern“. Jetzt ist Déborah auch bei „Weihnachten im Schuhkarton“ dabei. Beim Promi-Päckchen geben 20 Prominente jeweils einen Gegenstand in den Schuhkarton. Die Musikerin hat sich aber nicht für ein Mini-Instrument entschieden, sondern für Schulhefte und das mit einem ganz bestimmten Hintergedanken: „Ich habe in meine Schulhefte immer Gedichte und Geschichten gekritzelt, die später auch zu Songs wurden. Und ich dachte mir, wenn das Kind in der Schule nicht aufpassen sollte, aber dafür etwas reinkritzelt, was doch wichtig für seine Zukunft ist, dann hat es gleich einen doppelten Nutzen.“


Déborah Rosenkranz wird das Promi-Päckchen stellvertretend
für 20 Prominente im Dezember in Rumänien an ein notleidendes Kind übergeben.
Die Lebenskünstlerin war selbst schon oft in Osteuropa für soziale Zwecke unterwegs, dennoch ist es eine Ehre für sie, dass sie als Stellvertretende der Kampagne das Päckchen im Dezember an einen Jungen in Rumänien überreichen darf: „Ich weiß echt nicht, wer aufgeregter sein wird, ich oder das Kind.“ Selbst wenn eine Verbindung zwischen ihrer Geschichte und den Schicksalen in unseren Empfängerländern nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, sieht Déborah eine ganz entscheidende Gemeinsamkeit: „Ich habe das Gefühl gehabt, ich werde nicht gesehen und nicht geliebt. Auch diese Kinder werden zu oft nicht gesehen und erleben keine Liebe. Deswegen möchte ich meine Stimme denen geben, die selbst keine haben. Durch „Weihnachten im Schuhkarton“ können wir zeigen, dass sie doch gesehen werden.“

Jedes Wort, das Déborah singt, meint sie auch so. Das hört man, das fühlt man - Gänsehaut garantiert.


Es geht um den einen Moment

Die Schuhkartons sind mehr als ein Päckchen mit Weihnachtsgeschenken, denn in dem Moment, in dem das Kind seinen Schuhkarton erhält, erfährt es: „Ich bin nicht alleine. Ich bin geliebt.“ Und Deborah weiß, wie viel Kraft nur ein einziger Moment haben kann: „Es war ein Moment, ein Satz, der mein Leben zerstört hat, der mich in die Magersucht geführt hat. Ich glaube, dass wir Momente oft unterschätzen. Für uns ist das eine Kleinigkeit, so ein Geschenk zu verschenken, sogar so ein Geschenk zu erhalten, das vergessen wir ratzfatz. Aber ich glaube, Kinder, die das gar nicht gewohnt sind, schätzen das viel länger und sie wissen: Oh, da war jemand, der hat an mich gedacht, der ist für mich da.“ Genau wie Déborah die Liebe zu sich selbst und den Wert des eigenen Lebens neu begreifen musste, brauchen auch die Kinder bei „Weihnachten im Schuhkarton“ eine neue Perspektive für ihre Zukunft. Ein Zugang zu Nächstenliebe und Hoffnung sieht Déborah im christlichen Glauben: „Viele der Schuhkartons werden in Kirchengemeinden verteilt und das finde ich richtig toll! Ich wünsche mir für die Kinder, dass sie sich, wenn es ihnen schlecht geht, an diesen Ort erinnern und wissen, dass sie jederzeit dorthin gehen können.“



Vor wenigen Tagen hat die 20. Saison von „Weihnachten im Schuhkarton“ begonnen und es hätte kaum eine bedeutsamere Auftakt-Veranstaltung geben können als eine Pressekonferenz, auf der eine junge, mutige Frau ihre Lebensgeschichte dafür einsetzt, Kindern in Not mit Mitgefühl und Hingabe zu begegnen. „Wir können nicht die Welt retten, aber wir können diesen einen Moment schaffen und hoffen, dass viel mehr daraus entsteht.“


Lassen auch Sie einen Moment entstehen, der mehr verändern kann, als wir es zu hoffen wagen und packen Sie mit! 


Freitag, 2. Oktober 2015

„Eigentlich wollte ich nur ein paar Schuhe verschicken“

Autorin: Jenifer Girke

Jetzt heißt es zum 20. Mal Schuhkartons packen! Seit gestern läuft der Countdown bis zum 15. November, um wieder hunderttausende von Schuhkartons in Deutschland und Österreich zu sammeln. Jeder von euch hat eine andere Motivation, warum er oder sie mitmacht. Doch eines steht fest: „Weihnachten im Schuhkarton“ verändert – es verändert das Leben der Kinder und Familien, die einen Schuhkarton erhalten, aber es verändert auch das Leben von denen, die einen Schuhkarton packen, so auch das von Vera Schneider.
Es begann vor 6 Jahren: Im Jahr 2009 war Vera Schneider bereits seit 11 Jahren leidenschaftliche Packerin für „Weihnachten im Schuhkarton“ und endlich konnte sie mit auf eine Schuhkartonreise. Es ging nach Bulgarien – eine besondere Beziehung hatte die tüchtige Geschäftsfrau zu dem armen EU-Land nicht, aber letztendlich war es ihr auch egal, wohin sie reiste, Hauptsache sie reiste mit den Schuhkartons und konnte ihr eigenes Päckchen an ein Kind übergeben, das noch nie zuvor ein Geschenk erhalten hat. Was diese Reise allerdings in ihr bewirken und für ihr Leben bedeuten würde, hätte sie sich niemals vorstellen können.

Viele Roma-Kinder haben keine Chance auf Bildung.
Diebstahl und Prostitution sind oft verzweifelte Versuche,
um etwas Geld zusammen zu kriegen.
 
Vom Packer zum Leiter

Als in ihrer Aachener Gemeinde eine junge Frau die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ vorstellte, waren Vera Schneider und ihr Ehemann sofort mit dabei. Doch nach einiger Zeit gab es keinen Nachfolger mehr für die Leitung der Sammelstelle, deswegen entschieden sich die Schneiders dazu, sie zu übernehmen: „Warum? Das ist doch einfach: Weil man mit einigen Tagen großem Aufwand (Päckchen durchsehen und verpacken) eine unglaublich große Zahl an Kindern glücklich machen kann.“ So bissen die Schneiders also jedes Jahr einmal kurz in den sauren Apfel, um damit eine Vielzahl an Kinder in notleidenden Situationen mit einem wunderbaren Geschenk das Weihnachtsfest zu versüßen.





Das Verlangen, mehr zu tun

Ein Brunnen mit fließendem Wasser: für viele Bulgaren
ein echter Glücksfall, denen es oft am Nötigsten fehlt.
Aus dem einen Apfel wurde ein ganzer Apfelbaum oder sogar ein ganzer Garten voller Äpfel – aber keine sauren, sondern süße Äpfel. Denn mit der Reise nach Bulgarien wurde ein ganz besonderes Verlangen in Veras Herz geweckt: Sie wollte helfen, mehr helfen. „Es hat mich einfach gepackt, dass sich Brüder ein Paar Schuhe teilen müssen oder Kinder in Socken mit Löchern im Schnee vor uns standen.“ Wieder zurück in Deutschland, wollte Vera eigentlich nur ein paar Schuh-Pakete nach Bulgarien schicken, damit die Kinder nicht mehr barfuß und zitternd im Schnee stehen müssen. Die Kinder können keine Schneemänner bauen, keine Schneebälle formen, kein Schlitten fahren oder einen Schneeengel in weiße Wiesen zaubern – der Winter ist für die meisten Bewohner in unseren Empfängerländern eine zusätzliche Bedrohung. Neben Armut, Entbehrung und Hoffnungslosigkeit birgt der Winter eine zerstörerische Kraft in Form von eisigem Frost und dünne Hemden durchziehender, bitterlicher Kälte. Diese Not hat auch Vera Schneider gesehen und stellte schnell fest: Mit ein paar Schuhen ist es nicht getan.


Mehr tun mit „mehr Zukunft“

Um mehr Kleidung, Schuhe, Lebensmittel und andere Hilfsgüter zusammen zu treiben, gründete Vera Schneider den Verein mehr Zukunft e.V. Hierüber können Spenden eingesammelt werden, um die Transporte der Sachgüter und die Sachgüter selbst finanzieren zu können. Die Idee wurde sehr schnell etabliert und gut angenommen. Bereits 2010 konnten die Schneiders einen ganzen Lastwagen voll bepackt mit wichtigen Hilfsgütern nach Bulgarien losschicken.

Alle Sachgüter werden sortiert, gewaschen, geordnet und pro Kind wird eine Tüte mit einer Hose, einem Pulli, einem T-Shirt, einer Jacke, Socken und einem Kuscheltier gefüllt. So erhält jedes Kind von allem etwas in einem praktischen Gesamtpaket. 


Alle Sachspenden werden nach Geschlecht und Alter sortiert.

Jedes Kind erhält eine Tüte mit Kleidung für ein ganzes Outfit.

Die Kinder können oft nicht fassen, dass die ganze Tüte ihnen allein gehört.

Lebensmitteltüten werden ebenso hinzugefügt als auch größere Gegenstände:  In einem Jahr ermöglichte Vera Schneider, dass zahlreiche Krankenhausbetten, die nicht mehr dem deutschen Standard entsprachen, in ein armes Dorf nach Bulgarien verschickt wurden. In Deutschland wären sie auf dem Schrottmüll gelandet, in Bulgarien ermöglichen sie nun jede Nacht armen, verwundeten Kindern und Familien ein gemütliches Bett, von dem sie nicht einmal geträumt hätten.

Zahlreiche Krankenhausbetten in 3 LKWs


Deutsche Helfer laden die Betten Stück für Stück aus.


In Deutschland entsprechen sie nicht mehr dem Standard, in Bulgarien liegen sie weit darüber.


Mittlerweile werden pro Jahr eins bis zwei Großraumlaster bepackt, dessen Transport jeweils ca. 3000 Euro kostet. Die Initiatorin reist jedes Mal mit ihrem Mann und anderen Helfern auf eigene Kosten hinterher und bleibt zehn bis zwölf Tage vor Ort, um mit ansässigen Helfern die Spenden zu verteilen: „Die meisten unserer Helfer sind Roma, da man als Westeuropäer niemals ohne Begleitung ein Romadorf betreten sollte.“ Roma und Sinti ist eine besonders betroffene Gesellschaftsgruppe in Bulgarien: „Die Roma werden von der bulgarischen Gesellschaft verstoßen und missachtet und leben in verarmten Siedlungen am Rande der Dörfer“, schreibt auch die Internetseite des Vereins. Vom Staat erhält eine Roma-Familie in Bulgarien lediglich 35 Euro pro Monat, was für die meist sehr kinderreichen Familien nicht ansatzweise ausreicht: „Deshalb „erziehen“ viele Eltern ihre Kinder zum Diebstahl und zur Prostitution anstatt sie in die Schule zu schicken.“ 


Roma in Bulgarien leiden nicht nur unter Armut, sondern auch unter gesellschaftlicher Missachtung.

Die gesamte Aktion läuft über Mundpropaganda und ein paar Flyer; mit den Jahren hat Vera Schneider viele Kontakte zu katholischen Kleiderkammern und anderen Gemeinden aufgebaut. Man kennt die Schneiders und man weiß nie, was sie das nächste Mal für eine Überraschung bereithalten – ob zahlreiche Betten, hunderte von Kinderrucksäcken oder 4000 kuschlige Säbelzahntiger und Eisbären. Brauchen können die Menschen dort alles!


Einmal sortieren, doppelt verteilen

Erst Schuhkartons, dann LKWs für Bulgarien und jetzt setzt sich Vera Schneider auch für Flüchtlinge in Deutschland ein, denn mehr Aufwand hat sie dadurch kaum: „Wir sortieren ja eh alle Sachen, waschen und ordnen sie. Momentan sind wir mit Sachspenden überlaufen und es passt nicht mehr in die LKWs rein. Also geben wir es an Hilfsorganisationen für Flüchtlinge.“ Bei so viel Enthusiasmus und Einsatzbereitschaft fragt man sich, wie Vera Schneider es schafft, nebenbei auch noch ein Unternehmen zu führen, Steuerprüfungen vorzubereiten und die hunderten an Schuhkartons, die seit gestern bis Mitte November wieder bei ihr „einfliegen“, zu überprüfen und weiterzuleiten. Eine ganz zentrale Kraftquelle sieht die Powerfrau in ihrem Glauben.

Vera Schneider mittendrin: Sie sucht den persönlichen Kontakt zu den Menschen
und möchte sie kennenlernen.

Alles, was sie für die Kinder mit „Weihnachten im Schuhkarton“ und für die Familien in Bulgarien tut, kostet zwar Energie, schenkt aber auch eine große Bereicherung: Wenn man einen Schuhkarton packt und damit einem Kind dazu verhilft, dass es sich abends die Zähne putzen oder dass es im Unterricht (wenn es eine Schule besuchen darf) sein Wissen aufschreiben kann oder dass es keine Angst haben muss, raus zu gehen und nicht mehr friert, wenn es mit seinen zehn Geschwistern im Schnee spielt, dann erhält man ganz viel Dankbarkeit und Wertschätzung zurück und empfindet selbst ein Gefühl von Zufriedenheit und Nächstenliebe.
Wenn man sich einmal im Jahr in einem Zeitraum von 46 Tagen (1. Oktober bis 15. November) dafür einsetzt, dass Hunderttausende Schuhkartons in Hunderttausende Kinderarme gelangen, dann erfreut man sich auch an den übrigen 319 Tagen daran. Das Kind, was seinen Schuhkarton erhält, erfreut sich sogar ein Leben lang daran!


Das Kinderheim wartet schon

Morgen früh am 03. Oktober geht es für Vera Schneider und 21 weiteren Helfern wieder für ca. 10 Tage nach Bulgarien. Neben den üblichen Verteilungen, steht ein ganz besonderer Kraftakt auf der Agenda: Die Truppe aus Aachen wird ein Kinderheim renovieren und dessen Sanitäranlagen neu einbauen. Vor Ort kommen noch 15 weitere Helfer hinzu, die es kaum erwarten können, den Kindern im Heim in Zukunft eine richtige Toilette zu bieten und damit Krankheiten wegen mangelnder Hygiene einzudämmen; z.B. Magendarminfekte, die wir in Deutschland und Österreich leicht behandeln können, doch die in benachteiligten Ländern wie Bulgarien oft tödlich enden. Seit gestern treffen natürlich auch wieder neue Schuhkartons bei den Schneiders ein: „Die ersten 20 Stück stehen schon im Wohnzimmer“ , sagt das Multitasking-Talent locker nebenbei und weiß schon, was zu tun ist, wenn sie wieder aus Bulgaren zurück kommt.

Leidenschaftliche Helfer, die ihren Urlaub nicht im All-inklusive-Hotel verbringen,
sondern im bulgarischen Hinterland.

Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ verteilt, bewirkt, verändert, ermöglicht, beglückt, erfreut, verbessert und das immer wieder auf erstaunliche Art und Weise. Also mach mit, bringe auch du ein Kind zum Staunen und staune selbst, was so ein einfacher und doch besonderer Schuhkarton bewegen kann!